Von Martin Ahrends

Hier schläft der Park mit dem Wald. Wald und Park liegen unschuldig am Ende des Schloßgartens beieinander, Wo man durch eine kleine Pforte in den Wald geht und gar nicht gemerkt hat, daß er schon anfing. Nichts Aufregendes. Nicht an diesem Schloß, nicht in der näheren Umgebung, es sei denn die Stille. Die Autobahnen sind so fern wie die Fernstraßen, keine Eisenbahn, keine Flugroute in der Nähe.

Wenn man mit dem Rad unterwegs ist, wird der Fahrtwind laut und das Knispeln unter den Reifen. Man wird mittags auf einem Dorfplatz stehen und staunen, welchen Lärm es macht, wenn da jemand ein Fenster schließt. Man wird lange Gänge durch den langweiligen Kiefernwald machen, auf geraden Schneisen durch den geraden Baumbestand – das sind die Ereignisse von Wiepersdorf.

Das Schlößchen Bärwalde, Bettines Sommerfrische nach Achims Tod, wurde nach dem Krieg als "Hort preußischen Junkertums" gesprengt und steht als kümmerliche Ruine heute unter Denkmalschutz. Die aufgegebenen Schlösser und Rinderoffenställe der Umgebung – Zeichen der Vergeblichkeit, hier alte oder neue Zeiten zu installieren.

Es war immer dieselbe Zeit, die hier verging. Die Böden im Arnimschen "Ländeken" sind sandig und karg, "Sändeken", "Elendeken" hieß es. Das Besondere ist diese Ortszeit; wer hier Kurzweil sucht, anstatt sich gründlich zu langweilen, verpaßt das Beste.

Zweimal täglich geht ein Bus nach Jüterbog, von wo aus man mit dem Zug nach Berlin gelangt. Die Autofahrt nach Berlin dauert auch zwei Stunden. Wer sich darauf einläßt, kann was erleben. Kein Konsum, keine Post. Das Zentrum des Dorfes ist die geräumige Kneipe, wo abends die Leere der ehemals genossenschaftlichen Latifundien nachhallt. Die Ortszeit hat das Maß, nach welchem der Park sich in den Abendstunden eindunkelt, freundlich, sehnsüchtig, schließlich schattenhaft und schwarz hinter dem Fenster verschwindet, an dem man stundenlang sitzen kann ohne das Gefühl, etwas zu verpassen.

Die Ortszeit ist befreiend und bedrückend, man muß wissen, wie lang sie einem zutunlich ist. Bettine von Arnim hat es hier nur drei Jahre ausgehalten, nachdem sie mit ihrem Gatten Achim 1815 auf dessen Erbgut gezogen war. Drei Jahre Landleben mit Kochen, Backen, Nähen für die wachsende Kinderschar. Dann flieht sie den "Mottenfraß der Häuslichkeit" und kehrt mit den Kindern nach Berlin zurück, wo sie Unter den Linden eine Wohnung nimmt, um endlich wieder zu plaudern und zu lachen, anstatt mit den Fröschen zu quaken. Achim bleibt auf dem Land, er wird ein tüchtiger Gutsherr und beliefert seine Berliner Familie auf Bestellung: "Schieß mir ein Dutzend Hasen", schreibt Bettine ihm, "ein paar wilde Schweine. Hirsch und Reh, schlachte sechs Putenhühner, pack alles auf und komme." Das Essen im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf ist heute so ländlich schlicht, wie es damals schon gewesen sein mag. Es ist so wenig raffiniert, wie es diese Menschenlandschaft ist. Und ich behaupte, daß dies der Kunst zu- und nicht abträglich ist: das verläßlich Einfache, das Normale als Alltagsfundament für die riskanten Abschweifungen derer, die dort als Stipendiaten zu Gast sind.