Wolfgang Hilbigs Erzählungen aus einer verschwundenen Republik

Von Iris Radisch

Wortlos“ ist das erste Wort. Damit fängt alles an. Wolfgang Hilbigs Erzählungen aus einer verschwundenen Republik spielen in der Gegenwart. In der Gegend um Leipzig, in Ostberlin. Schon das ist eine Sensation. Wolfgang Hilbig wagt sich dorthin, wo in der Literatur noch kaum jemand war: in die DDR, nach ihrem Untergang.

Hilbig, in Meuselwitz, Sachsen, geboren, lebt seit 1985 in Edenkoben, Rheinland-Pfalz. Seine Reise in den Osten beginnt im Westen, auf einem Umsteigebahnhof, „sicher, wetterfest, feuersicher, bombensicher, beispielhaft für Europa“. Und doch, bereits auf den zweiten Blick ist diese Bahnhofshalle ein untergehendes Schiff, in Schräglage: „Titanic Westseite“. Unter dem Bahnhof ist nichts als „Wasser, Wasser und manchmal Eis“. Und ein wenig weiße Gischt.

Schon immer und lange vor dem Ende der DDR war Wolfgang Hilbig ein sprachmächtiger Apokalyptiker. In seinen Erzählungen, seinem Roman „Eine Übertragung“, in den Gedichten geht es, egal um was es geht, immer um drei weltliche Grundübel: die Fremdheit am Leben, die Einsamkeit des Herzens, die Neigung der Erdachse. Heute in Meuselwitz, morgen in Edenkoben.

Doch heute geht es auf der anderen Seite der verschwundenen Mauer um mehr als um metaphorische Schiffbrüche. Das Land auf der anderen Seite ist ein Land nach der Katastrophe. Hilbigs Geschichten „Er, nicht ich“, „Grünes grünes Grab“ und „Die elfte These über Feuerbach“ erzählen von dem, was der lange, der vierzigjährige Marsch der Großen Utopie durch dieses Land hinterlassen hat: Wellblechhütten, Abrißviertel, abgefackelte Bauplätze, Brackwasser, tote Städte, Schutt. Ein Zeitalter wird besichtigt.

„Er, nicht ich“ ist die wichtigste, die wunderlichste Erzählung dieses Bandes (erstmals veröffentlicht 1992 bei Reclam Leipzig in „Zwischen den Paradiesen“). Sie führt ins Zentrum der verschwundenen DDR, in eine Geisterwelt ohne Gedächtnis, in ein Labyrinth aus Symbolen, die nichts mehr symbolisieren. Diese erste Erzählung aus der verlorenen deutschen demokratischen Republik ist ein wachsbleiches Märchen, das wie alle Märchen die Wahrheit da am genauesten trifft, wo es sich von der Wirklichkeit scheinbar am weitesten entfernt.