Haste Töne? Getanzt wurde immer in Berlin. Wild & gefährlich oder mild & gemächlich, mal bieder und mal ambitiös. Oder so wie bei Steinmeier "Bei Steinmeier, das ist bekannt, ist täglich Tanz und allerhand "

Berlin, laut Eigenlob in den zwanziger Jahren die schnellste Stadt der Welt, hatte es auch beim Vergnügen eilig. Welch ein Kontrast: 1933 gab es keine europäische Großstadt mit mehr Arbeitslosen. Nie zuvor, nie danach aber spielten die Cafös, Ballhäuser und Tanzdielen eine so zentrale Rolle in der metropolen Alltagskultur: 899 Lokale mit Tanzkonzession waren 1930 gemeldet, die meisten davon im Bezirk Mitte und CharlottenburgTiergarten. Das massenhafte, rauschhafte Vergnügen schien Beobachtern wie Siegfried Kracauer bereits verdächtig unterlegt: "Pläsierkasernen" nannte er jene Tanzpaläste wie das Haus Vaterland oder Mundt (alias "Schnauzens").

Namen gab es, die noch leuchten: das "Moka Efti" am Tiergarten (früher "Cafe Schottenhaml"), das von 1933 an zum beliebtesten Tanzlokal Berlins wurde. Auf 1550 Quadratmetern spiegelten sich metalloxidierte Flächen, Wasser plätscherte die Wände herab, glitzernde Wundervögel spreizten ihre Flügel, während sich auf den Ovalen die Paare drehten. Machmittags vertrauten sich alleinstehende Damen den Eintänzern an.

Was aber wäre die Raumkunst geblieben ohne den Klang der Bands und Kapellen. Ob Ragtime, Tango, Charleston oder Swing, ob "Sam Wooding und seine 12 Chocolate Kiddies" oder "Teddy Stauffer mit seinen Original Teddies" das zum Amüsement entschlossene Publikum lohnte ihren Einsatz "Kurt Widmann spielt im Rhythmus, bei dem ein jeder mit muß", besonders bei "Yes Sir", wenn er Zarah Leander parodierte. Ebenso berühmt wie die Ansagen des korpulenten Berliners waren seine tanzartistischen Einlagen, vor allem ein überraschender Grätschsprung.

Das Ende kam, als dem Tanz der Marsch geblasen wurde. Immer mehr Braununiformierte sa8en plötzlich auf den Klubsesseln; die jüdischen Musiker packten ihre Instrumente ein. Noch gab es die populären Jam Sessions im "Delphi". Doch um die Reichsmusikkammer zu täuschen, mußten gängige Titel eingedeutscht werden. Der "St. Louis Blues" mutierte zum "Lied vom Blauen Ludwig".

Über Tanzlokale sind nie viele Worte gemacht worden. So hat der Verfasser eine aufwendige Materialarchäologie betrieben, um die Bruchstücke der Vergnügungskultur zu bergen, in Reiseführern, im Berliner Herold und in Curt Morecks "Führer durch das lasterhafte Berlin". Der Gefahr, einen rein nostalgischen Streifzug für das Sentiment zu destillieren, ist er ausgewichen; der dunkle Schrecken hinter dem harmlosen Pläsier schimmert durch, und das Vergnügen bleibt "vom Paradies ein ferner Schein".

Berliner Nachtleben in den dreißiger und vierziger Jahren; von der Friedrichstraße bis Berlin W, vom Moka Efti bis zum Delphi; Edition Hentrich, Berlin 1992; 241 S , Abb , 36 - DM