Tom Kristensens "Roman einer Verwüstung" erreicht uns mit den besten Empfehlungen. Ja, das ist gar kein Ausdruck dafür, daß ein Nobelpreisträger das Buch zum "Geniestreich" erklärt hat (Knut Hamsun), daß des Lesers treuster Freund und Helfer das Werk "in die Nähe der großen Romane von Döblin und Faulkner" rückt (Kindlers Literatur Lexikon) und daß die Übersetzerin der "Auslotung spätbürgerlichen Krisenbewußtseins" eine Bedeutung zumißt, die sich "weder auf die zwanziger Jahre noch auf Dänemark beschränkt" (Gisela Perlet im spätbürgerlichen Rostocker Sommer 1989). Nur: Wie konnte "Haervaerk" dann mehr als sechzig Jahre lang unübersetzt bleiben?

Rezensenten plagen sich mit schweren Fragen, und offenbar können sie, wie die Lektüre des autobiographischen Opus magnum zeigt, daran zugrunde gehen. Denn Tom Kristensen schildert ein Rezensentenschicksal - "die Selbstvernichtung eines jungen Intellektuellen auf der Suche nach Weltorientierung und Identität" ("Weltliteratur im 20. Jahrhundert"). 600 Seiten lang müht sich Kristensens Alter ego, der Kopenhagener Literaturkritiker Öle Jastrau, einen "Halt im menschlichen Dasein" zu finden. Dabei säuft er sich erst um seine Familie, dann um seinen Job und schließlich um den Verstand.

1930 mag "Haevaerk" ein Schlüsselroman gewesen sein und Tom Kristensen (1893 1974) eine Bohemien Legende. Die Journalisten der dänischen Metropole erkannten sich und ihr Milieu aufs Detail genau wieder, und auch das Zeitkolorit stimmte.

Der Marxismus und die Psychoanalyse irrlichtern durch das Buch, der Jazz der "Brüllenden Zwanziger" (Gisela Perlet über die Roaring Twenties) spielt im düsteren Hintergrund. Doch heute? Heute ist dieser "Roman einer Verwüstung" ein totes Monstrum, das ein skandinavistischer Grabräuber mit Hilfe des Dansk Litteraturinformationscenter in die neunziger Jahre verschleppt hat. Nicht ein Hauch großer Trinkerprosa liegt über dem Koloß, und daß Joyce für einige erzähltechnische Tricks Pate gestanden hat, ist eine Beleidigung des Dubliner Meisters. Gnade uns vor diesem Schinken, und Gnade uns vor den Rezensenten, die ihn in langen literaturhistorischen Abhandlungen retten wollen: Das ist nichts als halbakademische Leichenfledderei. "Rezensionen mögen ja ganz nützlich sein. Aber ihr schreibt so tiefsinnig und gelehrt, daß kein Schwein das lesen will Den Roman auch nicht. Fort damit in die Tiefen der babylonischen Bibliothek! Gregor Dotzauer Aus dem Dänischen und mit einem Nachwort von Gisela Perlet; Verlag Volk & Welt, Berlin 1992; 604 S, 48 DM