DRESDEN/DÜSSELDORF. – Wie ein Souvenir aus besseren Zeiten zeigt Georg Pigulla seine alte Visitenkarte. „Landeshauptstadt Dresden“ steht darauf, darunter etwas kleiner: „Leiter des Rechtsamtes“. Eineinhalb Jahre lang, bis Ende vergangenen Jahres, hatte der Jurist Pigulla dieses Amt inne; jetzt ist er wieder, was er vorher war: wissenschaftlicher Referent der CDU-Ratsfraktion in Düsseldorf. Doch der Job füllt ihn nicht mehr aus. „Wenn Sie eineinhalb Jahre Kokosnüsse geknackt haben“, sagt er, „fällt es schwer, wieder Erdnüsse zu knacken.“

Georg Pigulla funktioniert nicht mehr richtig. Er sei in Dresden „ein ganz anderer Mensch geworden, viel toleranter“, behauptet er. Mit den „Wessis, die hier über die Ossis den Stab brechen, ohne je dagewesen zu sein“, kommt er nur noch schwer zurecht. Die Sprüche, die Ossis seien faul und unfähig, könne er nicht mehr hören. „Man stößt im Osten auf eine hohe Zahl von Wißbegierigen – und Wissenden!“, sagt er.

Solche Erkenntnisse wiederum interessieren die Wessis nicht sonderlich: „Man hält Sie hier für einen Münchhausen“, hat Pigulla erfahren müssen – vor allem, wenn er dann auch noch erzählt, welch weitreichende Entscheidungen er täglich zu treffen hatte. „Das waren Entscheidungen, die im Westen auf Oberstadtdirektor-Ebene gefällt werden.“ Neben der immensen Aufgabe, eine Verwaltung neu aufzubauen, müßten Dinge entschieden werden, die im Westen gar nicht anfallen – zum Beispiel die Restitutionsansprüche; 40000 solcher Anträge lägen allein in Dresden vor.

Und dann hätten Besserwessis ihm oft noch Knüppel zwischen die Beine geworfen, schimpft Pigulla. Zahlreiche „Verwaltungsakte“ seien von den Gerichten, wo „junge aufstrebende Richter aus dem Westen“ sitzen, abgeschmettert worden. Ein beträchtlicher Teil seiner Arbeitszeit sei außerdem für Rechtsstreitigkeiten mit windigen Westdeutschen draufgegangen: „Viele Wessis haben reihenweise Ossis, auch ostdeutsche Stadtverwaltungen, übers Ohr gehauen.“

West-Beamte mit Ost-Erfahrung wie Pigulla könnten eigentlich als Mittler zwischen Ost und West manches zur inneren Vereinigung der Deutschen beitragen. Rund 27 000 westdeutsche Staatsdiener arbeiten derzeit in ostdeutschen Amtsstuben. Doch in der Praxis landen die „Wossis“ oft zwischen den Stühlen. Manche Ostdeutsche empfangen sie argwöhnisch. Daß sie häufig leitende Positionen übernehmen, schüre die Ressentiments, schrieb unlängst die Berliner Zeitung. Äußerungen wie die des sächsischen FDP-Landesvorsitzenden Joachim Günther, wonach „zweit- und drittklassige“ West-Beamte in Ostdeutschland eine „neue, lukrative Wirkungsstätte“ gefunden hätten, heizen die Stimmung zusätzlich an.

Ulrich Bauermeister, auch er ein „Wossi“, räumt ein, daß es natürlich viele Besserwessis im Osten gebe. Die brauchten sich nicht zu wundern, wenn man ihnen mit Obstruktion begegne: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.“ Bauermeister leitete knapp eineinhalb Jahre lang das Amt für Wirtschaftsförderung in Dresden und hat, seinerseits, vor allem „auf persönlicher Ebene“, gute Erfahrungen gesammelt. Die Ostdeutschen seien hervorragende Teamarbeiter. Oft habe der Arbeitstag bis zehn Uhr abends gedauert, doch nie hätten seine sechzig Bediensteten – er war der einzige Wessi im Amt – gemurrt.

Dabei wirke ja schon die unterschiedliche Bezahlung demotivierend. Die Gastarbeiter aus dem Westen beziehen nicht nur ein höheres Gehalt, sondern bekommen darüber hinaus steuerfreie Prämien – im West-Jargon herablassend „Buschzulage“ genannt – zwischen 1100 und 1500 Mark monatlich, dazu Trennungsgeld sowie kostenlose wöchentliche Heimfahrten bei „freier Wahl des Beförderungsmittels“. Doch trotz dieser Zurücksetzung seien die Ostdeutschen äußerst motiviert, sagt Bauermeister. Und er hebt hervor: „Ich bin nie ausgenutzt, nie gelinkt worden. Persönliche Kontakte haben einen höheren Wert im Osten.“