HANNOVER. – Nicht nur die Ahnherren des Kommunismus sind als richtungweisende Wegmarken aus der Mode gekommen. Auch die zweifelhaften Helden nationalen Eroberungsstrebens müssen es sich gefallen lassen, auf ihre Tauglichkeit für Straßenschilder überprüft zu werden. Während Lenin, Marx und Thälmann in den neuen Bundesländern allerorten aus Straßenbild und Adreßbüchern getilgt werden, hat in den alten Bundesländern so mancher „Herrenmensch“ den Übertritt ins demokratische Zeitalter als Namenspatron überlebt. Zum Beispiel Carl Peters. Ein Platz in Hannover trägt immer noch seinen Namen – trotz jahrelanger Ratsdebatten und gegenteiliger Beschlüsse.

„Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß“, steht auf seinem Grabstein. Und: „Er erwarb Deutsch-Ost-Afrika für sein Vaterland.“ Der niedersächsische Pastorensohn, der 1918 auf dem Engesohder Friedhof in Hannover unter die Erde kam, hat ein blutiges Kapitel deutscher Kolonialgeschichte geschrieben.

„Leider“, schrieb Peters seiner Schwester, als er noch im Namen von Kaiser Wilhelm als Reichskommissar Afrikaner um ihr Land brachte, „leider führt mein Weg über Leichen.“ Und der geltungsbedürftige Niedersachse beschränkte sich nicht darauf, Eingeborene über den Haufen zu schießen, um sich als Kolonialherr Respekt zu verschaffen. Peters tötete auch aus ganz persönlichen Gründen. Zwei Hinrichtungen wurden ihm schließlich zum Verhängnis. Weil er seine schwarze Geliebte Gidschagga, eine Häuptlingsschwester, mit seinem Diener erwischt hatte, ließ er beide kurzerhand aufhängen. Nachdem dieser Vorfall 1896 im Reichstag zur Sprache gebracht worden war, wurde er aus dem Kolonialdienst entlassen. Doch nach dem Streit zwischen Bismarck und dem jungen Kaiser Wilhelm II. wurde Peters rehabilitiert. Er erhielt seinen Titel zurück und bekam eine Pension. Zwei Jahre vor seinem Ableben, 1916, war sein Ruf wieder so weit aufpoliert, daß in Hannover ein Platz nach ihm benannt wurde.

Bis heute erinnert der Karl-Peters-Platz (die Nachwelt schrieb seinen Vornamen mit „K“) an den Kolonisator des Kaisers. Und auch das Denkmal steht noch, das die Nationalsozialisten 1935 dem „deutschen Herrenmenschen“ setzten: Über einem in Stein gemeißelten Afrika-Relief hält der deutsche Reichsadler nach Beute Ausschau.

„Cry for Mama Africa“, hat jemand darübergeschrieben. Abgesehen von derartigen Graffiti, führt auch eine ganz offizielle Aufschrift dem Betrachter vor Augen, wem da wofür ein Denkmal gesetzt wurde: Die Stadt Hannover, regiert von einer rotgrünen Ratsmehrheit, hat sich nach mehreren Vorstößen geschichtsbewußter Bürger 1988 dazu entschlossen, den peinlichen Stein des Anstoßes zwar stehenzulassen, aber mit einer Mahntafel zu versehen. „Dieses Denkmal wurde im Jahre 1945 von den Nationalsozialisten errichtet“, steht darauf. „Es stand für die Verherrlichung des Kolonialismus und des Herrenmenschentums.“ Gegen den jahrelangen Widerstand des Bezirksrates ist das Denkmal so zum Mahnmal geworden. Der Streit um Carl Peters in Hannover ist damit aber noch lange nicht ausgestanden.

Eigentlich sollte der Karl-Peters-Platz nämlich schon lange Bertha-von-Suttner-Platz heißen. Nach einer hitzigen Ratsdebatte hatten sich SPD und Grüne im Juni 1991 durchgesetzt und die österreichische Pazifistin Bertha von Suttner, der 1905 der Friedensnobelpreis verliehen worden war, zur neuen Namenspatronin erkoren. Doch sie hatten die Rechnung ohne die Anhänger des Reichskommissars gemacht. Oder war es nur die Macht der Gewohnheit, die die Anwohner des Platzes auf die Barrikaden trieb, als die Stadt sich anschickte, ihnen ihren vertrauten „Kalle Pe“ zu nehmen?

Wie auch immer – bei einer städtischen Postkartenbefragung noch vor der Umtaufaktion sprachen sich nur siebzehn Prozent der Anwohner dafür aus, gut siebzig Prozent waren strikt dagegen. Und als die Hannoversche Allgemeine Zeitung ihre Leser aufrief, ihre Meinung zu äußern, forderten sogar knapp achtzig Prozent die Beibehaltung des alten Namens.