Von Wilfried Herz

An Selbstbewußtsein und Ehrgeiz mangelt es der 49jährigen nicht. "Selbstverständlich würde ich das gern machen", antwortet Heide Simonis freimütig auf die Frage, ob sie als Nachfolgerin von Björn Engholm Ministerpräsidentin werden wolle, "ich traue mir das auch zu." Die Sozialdemokratin, seit 1988 Finanzministerin im nördlichsten Bundesland, hat die besten Aussichten, an die Spitze der Landesregierung aufzurücken und damit die erste Ministerpräsidentin eines Bundeslandes zu werden.

In die Favoritenrolle unter den möglichen Anwärtern ist sie nicht erst durch die lobenden Worte des derzeitigen Amtsinhabers geraten, als der seinen frühzeitigen Wechsel nach Bonn für den Sommer 1994 ankündigte: Er wolle sich auf die Kanzlerkandidatur und den SPD-Vorsitz konzentrieren. Die Ankündigung war als Befreiungsschlag gegen die wachsenden Zweifel gedacht, die Björn Engholm durch sein Verhalten in der Kieler Schubladenaffäre genährt hat. Damit hat Engholm zugleich die Nachfolgediskussion um den Chefposten in Kiel vorzeitig in Gang gebracht. Vor laufender Fernsehkamera zeigte er sich von der Eignung der Finanzministerin als künftige Regierungschefin überzeugt: "Sie hat zweifelsfrei die Qualitäten, das zu können."

Ihre bislang letzte Karrierestufe hat Heide Simonis erst am 10. März erklommen, als der Ministerpräsident sie zu seiner Stellvertreterin ernannte – als Nachfolgerin von Günther Jansen, der wegen der dubiosen Zahlungen an den früheren Barschel-Mitarbeiter Reiner Pfeiffer als ersten Akt seines Rückzugs aus der Regierung dieses Amt aufgeben mußte. Aus der Konkurrenz um den Chefposten war Jansen schon vor einem Jahr ausgeschieden. Damals hatte er Engholm seine "definitive Entscheidung" mitgeteilt, sich nicht um das Ministerpräsidentenamt bewerben zu wollen. Jansens Begründung: Es gebe "andere, die besser sind", zukunftsorientierte Arbeit abzuliefern, wie es "vornehmste Aufgabe eines Regierungschefs" sei.

Für Engholm lege sie "die Hand ins Feuer", sagt Heide Simonis. Sie glaube ihm, daß er vor der Landtagswahl 1987 keine handfesten Informationen über die Machenschaften Uwe Barscheis gehabt habe. Das Treuebekenntnis klingt glaubhaft, ist aber für sie auch ohne Risiko: Sollten neue Enthüllungen den SPD-Spitzenkandidaten ins Zwielicht rücken, würde sie nur zur großen Schar der Getäuschten zählen, ihr Ruf bliebe unbeschädigt.

Mit dem Wechsel von Engholm zu Simonis würde, sofern sich die Ministerin in den SPD-Gremien gegen ihre potentiellen Mitbewerber – den Landtagsfraktionschef Gert Börnsen, den Bundesratsminister Gerd Walter oder auch den Kieler Bundestagsabgeordneten Norbert Gansel – durchsetzte, ein neuer Ton in der schleswig-holsteinischen Staatskanzlei einkehren. Anders als der zögerliche, bedächtige Amtsinhaber ist Heide Simonis eher aggressiv; jedenfalls scheut sie keinen Konflikt. Von ihrem flinken Mundwerk, dessen Tempo die Parlamentsstenographen zur Verzweiflung treibt, blieben bisher weder Feind noch Freund verschont.

Als "angelernte Traditionslinke", wie sich die aus liberal-konservativem Elternhaus stammende Genossin selber einordnet, legte sie sich 1976 nach ihrem Einzug in den Bundestag sehr schnell mit den Genossen vom rechten Flügel an. Sie engagierte sich gegen Waffenexporte und Nachrüstung; als Kernenergiegegnerin hielt sie den sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt angesichts des drohenden Machtverlustes der SPD dennoch für das kleinere Übel: "Für die SPD-Linke", erklärte sie 1981, "läuft alles auf die Entscheidung hinaus, drei Kernkraftwerke mit dem Kanzler oder zehn ohne diesen Kanzler zu akzeptieren."