Die Bafler bafeln – Seite 1

Von Martin Lüdke

Von Hrabal kann man süchtig werden. Immer mehr deutsche Leser sind süchtig geworden. Spätestens mit seinem (fast post-)modernen Schelmenroman "Ich habe den englischen König bedient" hat der bald achtzigjährige tschechische Erzähler bei uns den Durchbruch erreicht. Nicht die Handlung (vom Pikkolo zum Millionär), es ist der Tonfall, der süchtig macht. Zumal wir diesmal standhaft in der Küche bleiben, "Hotel Paris". Dort arbeitet lange Jahre Eliška, die Ich-Erzählerin, Hrabals Frau, die allerdings "ein bißchen bereits angefangen hatte, eine Parisertorte mit Schlagobers zu werden", das heißt, keineswegs geheimnisvoll, "die Nummer eins".

Wir bleiben bei den – allerdings tschechischen – Kleinbürgern, in Liben, einem Prager Vorort, dort, wo der "Doktor" wohnt und auf Eliška, seine spätere Frau, trifft. Und wir bleiben bei den Freunden, den Verwandten, natürlich wird der Onkel Pepin des öfteren erwähnt, natürlich kommt Vladimir vor. Er erzählt sogar ganz am Ende des zwar mächtig gekürzten, doch noch immer nicht schmächtigen Romans "Hochzeiten im Hause" seines wirklichen Freundes (!) Bohumil Hrabal die "schönste Anekdote über die Frau Pollak von Parnegg".

Selbstverständlich werde ich diesen Abschnitt zitieren, doch muß ich zuvor auf eine kleine Eigentümlichkeit dieses Buches hinweisen. Hrabal verzichtet nämlich im zweiten Teil dieses Romans (der dritte Teil, gut und gerne 150 Seiten, ist in der deutschen Ausgabe gestrichen beziehungsweise, liebevoller gesagt, "im Einvernehmen mit dem Autor gekürzt") auf jegliche Interpunktion. Dieser Teil, "Vita nuova" betitelt (der gebildete Leser soll an Dante denken), wird über 250 Seiten hinweg buchstäblich ohne Punkt und Komma erzählt. Man gewöhnt sich, überraschend schnell, daran. Und der geübte Hrabal-Leser erwartet es eigentlich nicht anders von seinen schon sprichwörtlich gewordenen Baflern, diesen tschechischen Schwätzern der Sonderklasse. Nur – die Bafler zählen zu Hrabals Anfängen, das vorliegende Buch aber, buchhalterisch gesehen, muß zum Spätwerk gerechnet werden, wiewohl es vor allem, umständlich, ausführlich, von den Anfängen erzählt.

Aber zurück zu Vladimir. Er erzählt also ganz am Ende, daß der Herr Pollak eines Morgens nicht zu seinem Frühstück erschien. Und, es kommt noch schlimmer, "er kam auch nicht zum Mittagessen und so suchte man ihn im ganzen Schloß und fand ihn erst am späten Nachmittag unterm Bett in seinem Schlafzimmer ... tot ... Frau Pollack von Parnegg ließ alle Dienstmädchen antreten hob den Bettüberwurf hoch und wies mit einer Handbewegung auf ihren toten Mann unterm Bett und sagte zu den Dienstmädchen ... Das nennt ihr Saubermachen ihr Luder!"

Aber zurück zur Witwe Pollak. Von ihr war mehrfach die Rede, und Vladimir erzählt am Ende auch noch einmal, daß Frau Pollak beim Einzug Hitlers in Österreich aus dem Fenster gesprungen sei. Vladimir, soweit reicht die Handlung des Buches nicht, hat sich ebenfalls selbst umgebracht, 1968. Daß sich Hrabal nicht auch umgebracht hat, erscheint, wenn man seine Bücher liest und damit auf sein Leben sieht, schwer verständlich.

Der promovierte Jurist hat als Streckenwärter und Fahrdienstleiter bei der Bahn gearbeitet, dann – man nannte es Bewährung in der Produktion – als Stahlarbeiter und Altpapierpacker, schließlich als Bühnenarbeiter, er sagt "Kulissenschieber", und Statist, bis er, 1963, freier Schriftsteller wurde, das heißt, seine Manuskripte wurden regelmäßig abgelehnt, zwei bereits fertige Bücher wurden vor der Auslieferung wieder eingestampft, 1968 wurde er erneut mit einem absoluten Publikationsverbot belegt. Am Leben gehalten haben ihn seine Frau, seine Freunde, sein Schreiben: "Mein Schreiben ist eine Art Schutz vor dem Selbstmord, als liefe ich durch dieses Schreiben vor mir und von mir davon ..., eigentlich eine Flucht von einer Zeile zur anderen."

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Deshalb hat der "Doktor", wie ihn alle nennen, Wild auf seiner alten Schreibmaschine herumgehackt, ohne Punkt und Komma, in dem Bewußtsein, "das, was ich gerade mache, ist meine Poesie, die meine Freiheit ist". Vladimir Boudník, der Freund, hat offenbar nicht die Kraft gehabt, auf dieser Perspektive zu beharren. In einem kleinen Photoalbum, Teil der von Susanna Roth herausgegebenen "Hommage à Hrabal", schreibt Hrabal: "Vladimir, obwohl Proletarier, war ein Aristokrat, der durch seine Art zu leben all diejenigen zur Nachahmung bewegen wollte, die noch daran glaubten, daß das Leben es wert ist, voll und ganz gelebt zu werden."

Aus diesem, mit Verlaub, Geist heraus ist der Roman geschrieben, zum Glück nicht in diesem Stil, sondern drastisch, direkt, komisch und immer lebensnah: "Übrigens schauen alle Männer blöd drein wenn sie pinkeln." Hrabals Perspektive, Proletarier hin und Aristokrat her, bleibt aufs Kleinbürgertum fixiert. Selbst Frau Pollak hat durch ihre Ordnungsliebe, Recht geht vor Trauer, wie wir wissen, kleinbürgerliches Verhalten demonstriert, nur hat sie dabei, das macht den feinen Unterschied aus, Haltung gezeigt.

"Hochzeiten im Hause" darf also als (eine) Geschichte des tschechischen Kleinbürgertums gelesen werden, unter sozialistischen Vorzeichen. Es geht immer und überall darum, die "Nummer eins" zu werden, wenn schon nicht aufzusteigen, dann wenigstens auszusteigen. Die Lebensverhältnisse stehen jetzt zwar unter sozialistischen Vorzeichen, aber dahinter hat sich kaum etwas verändert. Die Leute trinken, nicht selten, nie wenig und am liebsten Bier, das übrigens auch im Krug aus der Wirtschaft nach Hause geholt werden kann.

"Hochzeiten im Hause" ist aber auch eine durch und durch wahre Geschichte. Die Daten stimmen. Die Fakten stimmen. Das Personal tritt, soweit das zu übersehen ist, durchwegs unter dem eigenen, tatsächlichen Namen auf, ob Jiří Kolař, Karel Marysko, Egon Bondy und so weiter und die Erzählerin Eliška Hrabal als Eliška. Die einzige Ausnahme: der Autor. Er erscheint, in schwindender Distanz, zunächst als "Doktor", dann als "mein Verlobter" und schließlich, nach einem wunderbar grotesken Hochzeitszug, als "mein Mann".

Und der "Mann" sagt Eliška eines Tages, mit "Nachdruck" sogar: "Ich bin ein Kleinbürger stets ein Kleinbürger jedoch nie und nimmer ein Spießbürger." Damit wird die Sache vertrackt. Denn diese Kleinbürger, die sich zeichnend, malend, modellierend oder schreibend scheinbar nur in ihrem kleinbürgerlichen Rahmen bewegen, sprengen ihn genau dadurch.

Nicht ihre gelegentliche Orientierung an den französischen Surrealisten zum Beispiel, sondern die vermeintlich selbstgenügsame Beschränkung auf eine private Nische in der (sogenannten) sozialistischen Gesellschaft macht ihre Arbeiten brisant. Da wurde, die Funktionäre ahnten es, ein mächtiger Sargnagel ins System getrieben. "Also Kleines was ich dauernd sage", sagt der "Doktor": "Wir kümmern uns nicht darum ob wir mit unserer Kunst einmal unseren Lebensunterhalt verdienen werden genau genommen machen wir keine Kunst im traditionellen Sinn denn unsere Kunst besteht in der Nicht-Kunst unserer Tage aus den Überbleibseln und Fragmenten dieser ungeraden Stunden stellen wir eine gerade und kreative Collage zusammen ein bißchen anders als wir vermutet hatten weshalb jede Graphik Vladimirs und jede Seite Text von mir nichts weiter ist und sie will auch nichts anderes sein als eine marginale Bemerkung zu dem Schönen das uns bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin auf dem Heimweg oder in der Kneipe beim Bier widerfährt."

Diese Poetologie hat natürlich etwas von der Gemütlichkeit der Wohnküche, vom Charme der Waschküche. Eine kleine, übersichtliche Welt. Diese "Rede", der Eliška, bei der großen Wäsche, wie sie sagt, "nur mit Mühe" folgen konnte, beglaubigt sich anschließend in dem Ergebnis des Waschvorgangs: Die Vorhänge, die gewaschen worden waren, sind jetzt "voller Löcher", als hätten sie "in Salzsäure" gelegen. Die verständliche Bestürzung wird von dem Ehepaar umgearbeitet, wobei die subversive Energie, die hier wirksam wird, zu beachten ist. "Das wird herrlich wenn Vladimir das sieht wird er vor Eifersucht platzen ... Du aber Kleines mußt ihm sagen daß wir aus diesen Vorhängen absichtlich ein Kunstwerk gemacht haben verstehst du ein Artefakt." So wird die Realität zum Artefakt. Und an dem Artefakt prallt die Macht der Verhältnisse wirkungslos ab.

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Das Leben wird, die Kunstgeschichte hat das eine oder andere Beispiel dafür schon geliefert, in Kunst verwandelt. Das ist alt. Nur bei Hrabal und der Gruppe seiner Freunde wird die Kunst, die es noch gar nicht gibt, bereits mit einer Hypothek belastet, die das Leben gleichsam finanzieren soll, aus dem dann, dereinst, die Kunst werden wird.

Das klingt komplizierter, als es ist. Ähnlich hat auch Henry Miller in den dreißiger Jahren in Paris gearbeitet: schreibend im Vorgriff auf ein künftiges Werk gelebt, das dann in der Rückschau beschrieben wird. Auch Miller, der Bohemien, war ein Kleinbürger. Vielleicht war das überhaupt die letzte Form einer ästhetischen Existenz, die von der Moderne hervorgebracht wurde. Auf jeden Fall sind so auch die Freunde Hrabals, Vladimir Boudnik, der Graphiker, und Jiří Kolař, der wohl berühmteste Künstler dieser Prager Surrealisten-Gruppe, zu Artefakten geworden, ebenso Eliška, die Frau, und Hrabal selbst, der Doktor. Hrabals Absicht, ein und sei es nur schmales Büchlein zu schreiben, das den "Leserhimmel erbeben" läßt, ist realisiert worden. Er hat sich auch nicht an den schlechtesten Vorbildern orientiert, Dante, Goethe, Rimbaud. "Ich weiß jeder dieser Schriftsteller hat sein Brett gefunden über das er auf die andere Seite seines Wesens geschritten ist."

Hrabal hat die andere Seite erreicht. So kommt es zu dem paradoxen Ergebnis, daß er in der Kneipe sitzt, sein Bier trinkt und den Leuten zuhört, die da reden, schwatzen, schwafeln, mithin: bafeln. Bafeln meint jenes Geschwafel, mit dem sich die Kleinbürger auf den Grund ihrer Abgründigkeit durchschwätzen. Der Anarchist, der in jedem Kleinbürger steckt, oft tief verborgen, lockert sich beim Bafeln und kommt irgendwann zum Vorschein. Bafeln heißt, meint Hrabal selbst, "nach dem Verbotenen streben".

Die Bafler sind deshalb auch eine Art von Freizeit-Bohemiens, statt im Atelier sitzen sie in der Gartenlaube beziehungsweise östlich der Elbe in der Datscha. Die Kunst, die dort entsteht, hat dennoch etwas Subversives, allerdings nur, wenn das Vorzeichen stimmt: das sozialistische. Fällt es weg, wie 1989 geschehen, dann werden die beschriebenen Verhältnisse in voller Gemütlichkeit erkennbar.

So wundert es denn auch nicht, daß Hrabal bei uns so populär geworden ist. Damals noch, unter anderem Vorzeichen. Sein Traum war es seit jeher, die "Nummer eins" zu werden, mit "Schlagobers". Der Traum des Kleinbürgers hat sich verwirklicht. Nur jetzt, während Hrabal, meist in Turnschuhen, in den Kneipen sitzt, Bier trinkt, zuhört, ist ihm das, wie glaubwürdig aus Prag berichtet wird, längst egal geworden.

  • Bohumil Hrabal:

Hochzeiten im Hause

Roman; aus dem Tschechischen von Susanna Roth; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993; 464 S., 48,– DM