Es gibt zwei Haltungen zu diesem Film und zwei Arten, ihn zu begreifen. Welcher von beiden man anhängt, entscheidet sich früh. In den ersten drei, vier Stunden, die man mit der "Zweiten Heimat" verbringt, geschieht etwas mit einem, oder es geschieht nicht.

Was geschehen kann, ist, daß man sich in dem Film zu Hause fühlt. Nicht in einzelnen Episoden, einzelnen Figuren und den Sätzen, die sie sagen, oder in der Stadt München, wo der größte Teil der Geschichten spielt, oder in den sechziger Jahren. Sondern im Ganzen dieser filmischen Erzählung, in dem Rhythmus, mit dem sie voranschreitet, in dem Raum, den sie entwirft, und in dem Blick, mit dem Edgar Reitz diesen Raum und seine Bewohner umfaßt. So kommt es, daß der Film, der von der zweiten Heimat erzählt, selbst zu einer wird.

Deshalb hat sich überall dort, wo "Die zweite Heimat" bisher lief, in München, Venedig, Frankfurt, Hamburg, Berlin, Paris und Rom, eine Gemeinde gebildet: kein bloßes Kontingent von Zuschauern, sondern eine verschworene Schar von Gläubigen. Und deshalb tut man Edgar Reitz auch kein Unrecht, wenn man "Die zweite Heimat" nicht für einen großen Kinofilm, sondern für eine beispielhafte Fernsehserie hält. Denn diese Gläubigkeit, dieses bedingungslose Einverstandensein mit allem, was gezeigt und behauptet wird, dieses selige Vertrauen ist genau die Haltung, auf die das Fernsehen hinauswill. Es führt uns nicht, wie das Kino, in die Irre und in die Fremde, sondern es reißt uns in die Geborgenheit hinein. Es stiftet Einheit und Versöhnung, nicht Verstörung und Widerspruch. Wer einen Spielfilm wie Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" oder Viscontis "Der Leopard" dreizehnmal gesehen hat, im Kino, im Fernsehen oder auf Video, der war dreizehnmal an einem anderen Ort, in einer Welt jenseits der Welt, im Nirgendwo und Nirgendwann der reinen Fiktion. Wer dagegen Reitz’ "Chronik einer Jugend in 13 Filmen" auf dem Filmfestival in Venedig oder in einem deutschen Theater auf der großen Leinwand erlebte, der kehrte ebensooft in eine vertraute, diesseitige, abgegrenzte und endliche Welt zurück. Es war, selbst im Kinoformat, die Welt des Fernsehens, der Ort der Gewohnheit und des Zuhauseseins.

Den Jüngern der "Zweiten Heimat" ist diese Unterscheidung egal. Sie sind im Stand der Gnade, wie ihn nur ein übermächtiges, fast metaphysisches Heimkehr-Erlebnis verleihen kann. Sie schweben in einer Seligkeit, die man nicht mit Worten begründen muß. Die Ausgeschlossenen aber, denen es nicht gelingt, in diesen Film wie in einen warmen Mantel zu schlüpfen, machen sich schon durch ihr Redenwollen verdächtig. Jeder vorsichtige Satz, der die "Zweite Heimat" nicht sofort heiligspricht, ist eine Herzlosigkeit zuviel. Jede Nachdenklichkeit über dieses 26-Stunden-Projekt, an dem Edgar Reitz sieben Jahre lang gearbeitet hat, ist ein Stück Häresie.

Aber es hilft nichts: Entweder man ist erleuchtet, oder man ist es nicht. Wer in der "Zweiten Heimat" nicht daheim ist, mag noch viele Schönheiten in ihr entdecken, aber die Offenbarung der Gläubigen bleibt ihm verschlossen. Es gibt zwei Arten, diesen Film zu sehen, und eine schließt die andere aus.

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