Von Michael Struck-Schloen

Das Areal ist Kontroversen um Kunst wie Glaubensinhalte gewohnt. Direkt am Kölner Neumarkt, über einer römischen Thermenanlage, steht zum einen die romanische Caecilienkirche – seit 1956 zeigt in dem jetzt säkularisierten ehemaligen Stift das Schnütgenmuseum die Kunst gewordenen Dokumente einer christlichen Glaubenspraxis vergangener Jahrhunderte. Wenige Meter entfernt die Kunsthalle mit Kunstverein, eines der Zentren aktiver und aktueller Kunstpflege. Wieder ein paar Schritte weiter St. Peter, eine Emporenbasilika von 1515-30, die den Jesuiten gehört und die der "Hausherr", der kunstengagierte Pater Friedhelm Mennekes SJ, durch Ausstellungen mit zeitgenössischer Malerei und Plastik zur "Kunst-Station St. Peter" aufgewertet hat. In diesem Jahr war St. Peter die neue Heimat der Internationalen Studienwoche für neue geistliche Musik, eine der ganz wenigen noch verbliebenen Chancen, die Entwicklung zeitgenössischer Kirchenmusik zu dokumentieren, studieren zu können und eventuell weiterzuführen. Diese Woche, die achtzehnte insgesamt, verdankt sich dem ungebrochenen Enthusiasmus eines Mannes, der nicht nur wegen seines überlangen Bartes eher dem Image eines Propheten entspricht: Peter Bares.

Bares ist Kirchenmusiker, doch keiner von jenen neunzig Prozent aller Organisten und Chorleiter, die sich lächerlich besoldet in christlicher Friedfertigkeit dem Musikgeschmack ihrer geistlichen Vorgesetzten beugen. Sein Credo "Die Kunst muß aufreißen, zerreißen und heilen" erinnert in seiner Widerborstigkeit eher an den jungen Johann Sebastian Bach, der mit seinem rigorosen Modernitätsanspruch dem Arnstädter Rat oder dem Leipziger Konsistorium durch Qualitätsforderungen das Leben schwermachte. Was Bach damals recht war – eine "wohlbestallte", aber auch zeitgenössische Musik in der Kirche –, erscheint Bares heute billig. "Die Kirchenmusik im allgemeinen ist in der Praxis so veraltet und heruntergekommen, daß es überhaupt keine Orientierungspunkte mehr gibt. Das hängt mit den sachfremden Geistlichen zusammen, die lieber in ihren traditionellen Formen bleiben. Und diese sogenannten christlichen Vorgesetzten gehen rigoros mit den Leuten um, die ihnen nicht passen."

Die berühmteste seiner eigenen Erfahrungen mit dem "sogenannten christlichen Vorgesetzten" hat ihn zum Enfant terrible des deutschen Kantorenstandes gemacht und endete 1985 mit seiner Entlassung als Kantor an St. Peter in Sinzig. Seit 1960 tat Bares in dem unscheinbaren Städtchen südlich von Bonn ("Da gab es nur ein Mineralwasser und mich") seinen Dienst als Organist und Chorleiter, ließ 1972 mit eigenen Finanzspritzen eine neue Walcker-Orgel mit erweitertem Klangfarbenspektrum und mannigfachen, der Neuen Musik dienlichen Spezialeffekten wie Xylophon, Harfe, Geräuschregister oder Röhrenglocken errichten. Als Konsequenz und mit der Hilfe der sich rasch verbreitenden Kunde über das spektakuläre Instrument gründete Bares 1976 die Internationale Studienwoche für neue geistliche Musik, wo er von namhaften Künstlern neueste Kirchenkompositionen vorstellen ließ, aber auch die zu sakraler Abkapselung neigende Organistenzunft in Seminaren mit der Interpretation neuer Musik wie der zeitgemäßen Improvisation vertraut machte.

Im Jahr 1985 jedoch – das zehnjährige Jubiläum der Studientage war soeben glanzvoll zu Ende gegangen – bekam Bares erstmals die eiserne Kirchenhierarchie zu spüren. Erster Streich: Ein neuer Pfarrer zeigte sich vom jazz- und pop-orientierten "Neuen geistlichen Lied" mehr angetan als von der internationalen Avantgarde und verbot das Festival aus nicht näher definierten "pastoralen Gründen". Zweiter Streich: Auf den wortgewaltigen Protest des Kantors folgte nach fünfundzwanzig Dienstjahren die Kündigung, die trotz aller Revisionsanträge und Solidaritätsadressen von prominenten Kollegen schließlich als "Zerrüttung des Arbeitsverhältnisses" wirksam wurde. Bares und sein ebenfalls verdammter Kirchenchor gingen ins Exil, zogen mit der Studienwoche zunächst ans Bonner Münster und heuer zum ersten Mal nach Köln zu St. Peter, wo Bares im letzten Jahr wieder einen Kantorenposten angenommen hatte.

So sehr auch der Casus Bares in seinem Verlauf von privaten Schroffheiten und Divergenzen geprägt war: Er kratzt am wunden Verhältnis der Kirche zur zeitgenössischen Musik, deren ernstzunehmende Vertreter nach 1945 allenfalls religiöse, aber kaum noch kirchlich-kultische Werke schrieben. Hans Werner Henzes jüngst in Köln uraufgeführtes "Requiem", das als reiner Instrumental-Zyklus mit dezidiert außerkirchlichen Assoziationen aufwartet, ist typisch für die künstlerische Säkularisierung und die Individualisierung religiösen Empfindens. Wenige Komponisten lassen sich heute noch die Fesseln einer funktionalen, und das heißt: liturgisch reglementierten Musik anlegen, die sich freiwillig dem gesprochenen Wort unterwirft.

Andererseits mangelt es den meisten Geistlichen nicht nur an musikalischer Bildung, die im Priesterseminar eine verschwindende Rolle spielt, sondern auch an Vertrauen in die "Kompetenz in Transzendenz", mit der Musik (nicht nur nach Ansicht des Bonner Liturgiewissenschaftlers Albert Gerhards) die Verkündigung in einem eigenen Material fortsetzt. "Die haben noch nicht begriffen", donnert Bares, "daß Musik keine Umrahmung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Liturgie ist. Denn wo gesungen und die Orgel gespielt wird, geht der Gottesdienst weiter."