Von Wolfgang Blum

Lesen lernen die meisten Menschen in der Schule. Aber wie steht es mit der genußvollen Lektüre von Belletristik? Regt der gymnasiale Deutschunterricht die Schüler an, auch noch als Erwachsene zu lesen? Keineswegs, meint Erich Schön, Literatursoziologe an der Universität Konstanz. Sein Urteil begründet er mit der Untersuchung der Lesegewohnheiten von 340 jungen Erwachsenen. Sie gehören allesamt zu den sechs Prozent der Deutschen, die regelmäßig Romane lesen. Mehr als drei Viertel von ihnen erwähnen den Deutschunterricht mit keinem Wort. Der Rest macht ihn verantwortlich für verlorene Lesefreude. Eine repräsentative Befragung von 447 Schülern, die Schön durchführte, bestätigte das Ergebnis: „Der Tenor lautete: Lesen war eine wunderschöne Sache, aber dann kam der Deutschunterricht.“

„Unzählige Male hat mich meine Mutter beim heimlichen Lesen unter der Bettdecke erwischt, sicher ebensooft nicht – weil ich sie vorher kommen gehört, mich schlafend gestellt und hinterher weitergelesen habe.“ Ähnliche Schilderungen tauchen häufig in den Lesebiographien auf. Während der Pubertät waren viele der Befragten von einer Lesesucht gepackt, die sich in wahren Exzessen äußerte. Der Lesestoff hat sich dabei seit Generationen wenig verändert: Die Dauerbrenner sind „Robinson Crusoe“, „Winnetou“, „Hanni und Nanni“ und die vor allem von Mädchen geliebten Pferdebücher – im Vergleich zu den in der Schule behandelten Werken also eher triviale Literatur. Die jugendlichen Bücherwürmer verschlangen ihre Kost meist auf dem Bett liegend.

Belletristik-Liebhaber, die erst als Erwachsene beginnen, Romane zu wälzen, gibt es Schöns Untersuchung zufolge genausowenig wie solche, die von Anfang an vernünftig und kontrolliert gelesen haben. Eine wilde Lesepubertät scheint unumgänglich zu sein. Erst in der Höheren Schule verlernten sie es, sich von einem Buch fesseln zu lassen.

Für die meisten stand der Deutschunterricht unter dem Motto: Literatur ist, wenn das Lesen keinen Spaß macht. Das begann meist damit, ergab die Untersuchung, daß der Deutschlehrer einen Text Wort für Wort, Satz für Satz ‚zerfieselte‘. Von da an war das Buch „keine interessante Geschichte“ mehr, es hatte „keine Ausstrahlung mehr“, „keine Faszination“.

Der Deutschunterricht steht also immer noch vor dem gleichen alten Dilemma: Soll er literarische Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln oder sich an den Wünschen der Schüler orientieren und zum Lesen motivieren? Das eine ist harte Arbeit, das andere das reine Vergnügen. Beides zugleich, glaubt Schön, geht nicht.