ARD, Donnerstag, 8. April, 23.15 Uhr: „Geheimsache Katyn“ – Arte, Dienstag, 13. April, 19.30 Uhr: „Der Wald von Katyn“

Ein schrecklicher Wald. Die Anwohner durften dort weder Pilze noch Beeren suchen. Er barg ein Geheimnis, und wer es erfahren wollte, war des Todes. Er gab es erst preis, als die Deutschen dort vor fünfzig Jahren in einem Massengrab die Leichen von mehr als viertausend polnischen Offizieren entdeckten, die von den Bolschewiken im Frühjahr 1940 durch Genickschuß ermordet worden waren. Seither steht der Name Katyn für eines der scheußlichsten Staatsverbrechen dieses Jahrhunderts.

Der Dokumentarfilmer Eberhard Fechner hatte kurz vor seinem Tode die polnische Journalistin Barbara Dryschka ermuntert, über Katyn einen Film zu drehen. Er hätte sich über die minuziöse, nüchterne Dokumentation gefreut, die sie mit Marek Grzona in verhaltener Leidenschaft ins Bild setzte. Ihnen ist ein Novum der Fernsehgeschichte gelungen: „Geheimsache Katyn“ ist eine Koproduktion des Mitteldeutschen Rundfunks und mehrerer anderer deutscher Sender mit dem polnischen und dem russischen Fernsehen. Drei Völker können jetzt, ohne gegenseitige Schuldzuweisungen, gemeinsam ein Stück leidvoller Vergangenheit aufarbeiten.

Boris Jelzin hat es ermöglicht, als er jenes Dokument aus seinem Tresor hervorholte, welches beweist, daß Stalin und seine Mordgesellen im Politbüro im März 1940 das Leben von mehr als 21 000 polnischen Gefangenen, unter ihnen 15 000 Offiziere, mit einem Federstrich auslöschten. Nachdem die Diktatoren Hitler und Stalin Polen erobert und unter sich aufgeteilt hatten, waren sie sich stillschweigend einig, daß die polnische Intelligenz ausgerottet werden müsse.

Bei ihren Recherchen in Polen, Rußland, England und Amerika haben die Filmautoren noch erstaunlich viele Zeugen vor die Kameras holen können. Zum Beispiel den 101jährigen ehemaligen Außenminister der polnischen Exilregierung, den Grafen Raczynski. Sogar zwei Täter können sie präsentieren: einen alten Wachmann des NKWD, der dabei war, als ein Teil der Offiziere im Gefängniskeller von Smolensk erschossen wurde; er mußte die Leichen aufs Förderband legen. Und den Schreibtischtäter aus Kalinin, der um unser Mitleid heischt, weil es doch so schwer gewesen sei, jeden Tag 200 Menschen zu erschießen.

Auch Katherine Harriman, die Tochter des amerikanischen Millionärs und Diplomaten, sagt aus. Sie war als junge Reporterin dabei, als die Russen, nach dem Rückzug der Deutschen, die Leichen im Wald von Katyn noch einmal exhumierten. Als sie erfuhr, daß die Offiziere mit deutschen Pistolen und deutscher Munition erschossen wurden, und als sie sah, wie ordentlich (!) in Reih und Glied die Leichen gestapelt lagen, war sie überzeugt, daß die Nazis auch dieses Verbrechen begangen hatten. In diesem Sinne informierte sie ihre Nation, und zum Dank schüttelte ihr Stalin auf der Konferenz von Jalta die Hand – eine Szene, die an Zynismus nicht zu überbieten ist.

Das eigentliche Thema dieses Filmes ist der Mißbrauch, der über ein halbes Jahrhundert mit den Toten von Katyn getrieben wurde. Goebbels wollte mit seiner Sondermeldung die Koalition zwischen Ost und West sprengen; Stalin schob das Verbrechen den „Hitler-Faschisten“ in die Schuhe; Churchill und Roosevelt, welche die Wahrheit kannten, hielten sie aus Staatsräson unter Verschluß („eine Verschwörung des Schweigens“); im Kalten Krieg überführte der amerikanische Kongreß die Sowjetunion als Mörderstaat; Chruschtschow schwieg, um seine polnischen Genossen zu schonen; Gorbatschow, dem schlauen Rat des ZK-Sekretärs Falin folgend, erkor den NKWD als einzigen Sündenbock, damit die Partei rein blieb; Jelzin brach das Schweigen, um seinen Rivalen zu erledigen.