Von Hansjörg Graf

In seinem einzigen, aber auch einzigartigen Reisebuch „In Italien um glücklich zu sein“ liefert Jean Giono (1895-1970) schon in den ersten Absätzen ein kleines Selbstportrait. In diesem äußerst komprimierten Lebensrückblick von 1953 stellt der provenzalische Autor fest, daß es ihm gefallen habe, „den Dingen auf den Grund zu gehen“. Das ist unprätentiös formuliert und fast beiläufig gesagt. Es bezieht sich vordergründig auf eine Spurensuche, die Giono zu seiner Italienreise veranläßt hat und die im Dienst einer neuen Romanproduktion steht. Zu ihren Leitbildern zählt Gionos Großvater Pietro-Antonio, ein ebenso berühmter wie berüchtigter Freibeuter und Karbonaro, der politischer Morde wegen aus dem Piemont nach Frankreich fliehen mußte. Der Freiheitsdurst und die Leidenschaften des Vorfahren haben sich in gewandelter Form auf Jean-Antoine, also Gionos Vater, aber auch auf Jean-Ferdinand, den Sohn und Poeten, vererbt.

„Jean der Träumer“, Gionos autobiographischer Roman aus dem Jahr 1932, räumt mit der Romantisierung des Südens auf. Die Provence ist für den Autor ein „Mesozoikum der Leidenschaften“. Was unterscheidet Jean den Träumer von seinen Zeitgenossen? Er sieht mehr als die anderen. Wenn Fahrende Leute aus dem Fenster des Nachbarhauses in den Hof schauen, wo Schafe im eigenen Mist verkommen, wird nicht mehr gesprochen; man hört nur noch den Atem der Schauenden und das Schnaufen der Tiere. Das „Gesicht des Hofes“ spiegelt das Gesicht der Welt – einer dritten Welt der Habenichtse und Verstoßenen; sie setzt einen Kontrapunkt zur ländlichen Gesellschaft von Bauern, Handwerkern und Arbeitern. Das „einfache Leben“ – ein mythischer Terminus mit ideologischem Beigeschmack – gibt es nicht.

Im Umkreis einer literarisch sublimierten Zivilisationskritik – Giono ist auch schon als ein Grüner avant la lettre in Anspruch genommen worden – findet man Sätze, die, aus einem größeren Zusammenhang gerissen, Gionos politischen Inquisitoren recht geben könnten. Der Autor erinnert sich an die Zeit, da ihm Gerüche bewußt werden. Er macht keinen Unterschied zwischen den Frauen aus dem Dorf, den Schafen auf dem Hügel, dem „schalen Geschmack einer Metzgerei“ und dem „Geruch der Sümpfe und des Frühlings“. Da ist es nur ein kleiner Schritt zur Mystik der braunen Scholle und einem Biologismus, dessen katastrophale Folgen nicht vergessen sind.

Gionos Jugendgeschichte berichtet von heimlichen Allianzen zwischen dem Kind und all jenen, die mehr von dieser Welt wissen, weil sie jenseits von Gesetzen und Zwängen leben. Die Armut ist ihr Reichtum. Sie haben einen sechsten Sinn und betreiben als Halbverzauberte selbst Magie – und sei es nur verbal, mit ein paar Sätzen, die Türen öffnen und Vorhänge zerreißen.

Wer nach Gionos Kindheitsroman sich der „Großen Meeresstille“ von 1948 zuwendet, könnte zunächst an der Identität der Autoren dieser Bücher zweifeln; er lernt jedenfalls einen Erzähler kennen, der nach der Fülle sich auf die Leere einläßt. Giono hat Melvilles „Moby Dick“ übersetzt. In seiner Bibliothek fanden sich auch der Reisebericht des Weltumseglers Dumont d’Urville „Voyage de la corvette ,L’Astrolabe‘“ und eine Reihe von nautischen Instruktionen. Kein Wunder, daß die „Große Meeresstille“ sich als literarisches Tandem präsentiert; da ist einmal die professionelle Nüchternheit eines Logbuchs und zum anderen die mythische Dimension eines Romans, der nicht nur eine Fahrt in die Ferne, sondern auch eine Reise in die Tiefe ist.

Ein Narzissenduft in der Rue de Rome zu Marseille weckt die Vorstellung des Meeres, nicht der strenge Geruch von Austern und Fischen. Das ist ein Beispiel für die private Logik eines Dichters, dessen Welt jenseits der Normen und Sprachregelungen existiert, die von der Gesellschaft diktiert werden. Im Marseiller Militärgefängnis Fort Saint-Nicolas – Giono ist dort im Herbst 1939 seiner pazifistischen Gesinnung wegen zwei Monate inhaftiert – entsteht ein Romanprojekt; was hinter den Mauern als Idee die Bedeutung eines Grundrisses hat, nimmt in den Straßen von Marseille Farbe und Formen an.

Die „Große Meeresstille“, 1944 aus der Erinnerung diktiert, erscheint erst 1948. Aber schon in „Noah“, also einem Roman, der ein Jahr zuvor erschienen ist, stoßen wir auf ein Konzentrat dessen, was in der „Großen Meeresstille“ zersplittert und episodenhaft erscheint. Der Narzissenduft in der Rue de Rome erschließt Giono, diesem Bewohner der Hochebene, die Weite des Meeres. Was Giono im Sinne einer Erklärung folgen läßt, ist präzise und vage zugleich: Es spiegelt die Anlage eines Buches, das seine Ambivalenz schon in der von Giono verbürgten Definition „kosmischer Kriminalroman“ zu erkennen gibt. „Die Weite umschließt etwas, das Licht spielt nicht grundlos, die kühlen Winde haben bestimmte Ziele, die Atemzüge kommen von einer bestimmten Seite, der Schaum hat seine Bedeutung, die Möwen vollenden ein Werk, das so notwendig ist wie das der Engel, das Keuchen verrät eine Gemütsbewegung, das Ungestüm in Raub, Entführung und Abschied ist wie ein Bruchstück irdischen Paradieses in den Regenbogen eines Prismas.“ Das hat Poesie, doch der Sinn bleibt dunkel. Giono weiß, daß er dem Leser einen Nachsatz schuldet: „Ich suche nicht die Lehren zu erhellen, die mir auf verworrene Weise zuteil wurden, sondern sie so auszudrücken, wie ich sie empfing, mit ihrer Verschlossenheit und ihrer Farbigkeit.“ Die „Große Meeresstille“, die im französischen Original auch den Titel „Die Engel“ hat, fällt aus dem Rahmen eines Gesamtwerks, das die Geschichte des Menschen aus dem Geist der Landschaft zu begreifen sucht.

Gionos Gefängnisaufenthalte von 1939 und 1944 bilden eine Zäsur. Die Erfahrungen des äußeren Lebens führen zu einer umfassenden Ernüchterung. Der „innere Adel“, das „heldische Leben“ und die „geheimnisvollen Bindungen“ gehören einer Phraseologie der Vergangenheit an. Gionos Interessen liegen jetzt anderswo; sie basieren auf dem Studium der Geschichtsschreiber und dem Umgang mit Dante, Machiavelli und Stendhal. Diese Autoren sind auch Gionos Reisebegleiter auf seiner ersten Italienfahrt.

Langsamkeit ist die Parole dieser Autoreise, die gelegentlich das Tempo einer Fußwanderung annimmt. Was Giono sieht, ist das Bild einer weithin unversehrten Welt, die trotz der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs eine Archaik der Lebensformen spiegelt. Unter diesem Aspekt hat Gionos Italienbuch den Rang eines historischen Dokuments. Das Nebeneinander macht den Reiz aus: Schon existieren Autobahnen, aber es gibt auch noch den Bauern, der mit seinem Maulesel das Feld pflügt. Das sind für Giono Momente des Glücks. Er klammert sich an Traditionen, die seinem subjektiven Lebensgefühl entsprechen. In Italien ist Giono unter seinesgleichen. Im Grunde hat er gar nicht den Ort gewechselt. Er fährt über die Grenze, um heimzukommen.

Ganz anders Charles-Frederic Brun in Gionos später Erzählung „Der Deserteur“. Diese Geschichte ist 1966 entstanden und 1973 erschienen. Da ist ein Mann, „der einfach weggeht“. Er „desertiert aus einer bestimmten Gesellschaftsform, um in einer anderen zu leben“. Nach fünfzig Seiten wissen wir es: Gionos Deserteur läßt sich im Wallis nieder, er gibt seinen Namen preis und verbringt den Rest seines Lebens als Votiv- und Heiligenmaler. Fünfzig Seiten braucht der Autor, um etwa fünfzig Kilometer Fluchtweg im Schweizer Grenzgebiet zu beschreiben. Die Umständlichkeit eines Erzählers, der den Zenit seines Ruhmes überschritten hat? Von wegen. Was auf den ersten Blick als pedantisches Ratespiel erscheinen mag, entpuppt sich als hochkarätiges „Charakterstück“. Giono betreibt literarische Kriminologie. Er bezieht den Steckbrief und das Protokoll in die Erzählung mit ein. Auf die Phantasie ist kaum noch Verlaß, schließlich läuft die Wirklichkeit jeder Fiktion den Rang ab.

Die Metamorphosen von Jean Giono haben etwas gemeinsam mit einer Entwicklung, die der Südtiroler Franz Turnier als „Rückzug auf Genauigkeit“ definiert hat. Beide Schriftsteller erreichen in ihren späten Arbeiten einen Punkt, den man mit Gelassenheit umschreiben könnte. Giono wird im Alter jung. Sein Auge gewinnt an Schärfe. Was wir sehen, hat die Authentizität einer Daguerreotypie.

Folgt Gionos exakte Beobachtung des Heiligenmalers und Deserteurs auch einem autobiographischen Impuls? Jedenfalls wirkt Sympathetisches zwischen Charles-Frederic Brun und seinem literarischen Urheber. Auch Giono ist ein Mann zwischen allen Stühlen. Mit der Bourgeoisie steht er auf Kriegsfuß. Mit dem Kollektiv kann er erst recht nichts anfangen. Weil er nicht mit dem großen Haufen zieht, fällt er zweimal, 1939 und 1944, in Ungnade. Giono ist selbst ein Deserteur aus Überzeugung. In „Noah“, einem Roman über Romane – eine Neuveröffentlichung der deutschen Ausgabe ist ein dringendes Desiderat –, macht Giono seine Leser zu Zeugen eines Erkenntnisprozesses. Er gibt sich Rechenschaft über den Irrweg der Maßlosigkeit, er steckt zurück, das Schreiben reduziert er auf die Tätigkeit des Handwerkers. Was bringt es ihm? Eine „gewisse Gehirntätigkeit“ und einen „interessanten Kontakt mit der menschlichen Natur“.

Giono hält nichts von einer „allgemeinen Anschauung der Welt“. Er stellt sein subjektives Weltbild zur Diskussion. Die „alltägliche Wirklichkeit“ entkleidet er „aller ihrer Masken“. Das ist kein Rückzug auf die Widerspiegelungsliteratur. Die Wirklichkeit, so wie sie ist, hat für Giono magische Qualitäten. Giono hat gelernt, den Mythen unseres Jahrhunderts zu mißtrauen. Ganz bewußt und vielleicht auch ein wenig störrisch bewahrt er sich eine „einfältige Seite“. Was Giono vor anderen literarischen Zeitgenossen auszeichnet, ist sein Blick aufs Ganze. Mit partiellen Wirklichkeiten gibt er sich nicht zufrieden. Der Engel, an den er glaubt, ist furchtbar. Doch ist er ebenso schön.

  • Jean Giono:

In Italien um glücklich zu sein

Ein Reisebuch; aus dem Französischen von Peter Gan; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1992; 221 S., 14,80 DM

Jean der Träumer

Roman; nebst einem Gespräch mit dem Autor; aus dem Französischen von Käthe Rosenberg und Sabine Gruber; Matthes & Seitz Verlag, München 1991; 370 S., 36,– DM

Die große Meeresstille

Roman; mit einem Essay von Stefan Broser; aus dem Französischen von Ernst Sander und Hety Benninghoff; Matthes & Seitz Verlag, München 1992; 360 S., 42,– DM

Der Deserteur

Erzählung; aus dem Französischen von Hans Thill; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1992; 110 S., 14,80 DM