Die „Große Meeresstille“, 1944 aus der Erinnerung diktiert, erscheint erst 1948. Aber schon in „Noah“, also einem Roman, der ein Jahr zuvor erschienen ist, stoßen wir auf ein Konzentrat dessen, was in der „Großen Meeresstille“ zersplittert und episodenhaft erscheint. Der Narzissenduft in der Rue de Rome erschließt Giono, diesem Bewohner der Hochebene, die Weite des Meeres. Was Giono im Sinne einer Erklärung folgen läßt, ist präzise und vage zugleich: Es spiegelt die Anlage eines Buches, das seine Ambivalenz schon in der von Giono verbürgten Definition „kosmischer Kriminalroman“ zu erkennen gibt. „Die Weite umschließt etwas, das Licht spielt nicht grundlos, die kühlen Winde haben bestimmte Ziele, die Atemzüge kommen von einer bestimmten Seite, der Schaum hat seine Bedeutung, die Möwen vollenden ein Werk, das so notwendig ist wie das der Engel, das Keuchen verrät eine Gemütsbewegung, das Ungestüm in Raub, Entführung und Abschied ist wie ein Bruchstück irdischen Paradieses in den Regenbogen eines Prismas.“ Das hat Poesie, doch der Sinn bleibt dunkel. Giono weiß, daß er dem Leser einen Nachsatz schuldet: „Ich suche nicht die Lehren zu erhellen, die mir auf verworrene Weise zuteil wurden, sondern sie so auszudrücken, wie ich sie empfing, mit ihrer Verschlossenheit und ihrer Farbigkeit.“ Die „Große Meeresstille“, die im französischen Original auch den Titel „Die Engel“ hat, fällt aus dem Rahmen eines Gesamtwerks, das die Geschichte des Menschen aus dem Geist der Landschaft zu begreifen sucht.

Gionos Gefängnisaufenthalte von 1939 und 1944 bilden eine Zäsur. Die Erfahrungen des äußeren Lebens führen zu einer umfassenden Ernüchterung. Der „innere Adel“, das „heldische Leben“ und die „geheimnisvollen Bindungen“ gehören einer Phraseologie der Vergangenheit an. Gionos Interessen liegen jetzt anderswo; sie basieren auf dem Studium der Geschichtsschreiber und dem Umgang mit Dante, Machiavelli und Stendhal. Diese Autoren sind auch Gionos Reisebegleiter auf seiner ersten Italienfahrt.

Langsamkeit ist die Parole dieser Autoreise, die gelegentlich das Tempo einer Fußwanderung annimmt. Was Giono sieht, ist das Bild einer weithin unversehrten Welt, die trotz der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs eine Archaik der Lebensformen spiegelt. Unter diesem Aspekt hat Gionos Italienbuch den Rang eines historischen Dokuments. Das Nebeneinander macht den Reiz aus: Schon existieren Autobahnen, aber es gibt auch noch den Bauern, der mit seinem Maulesel das Feld pflügt. Das sind für Giono Momente des Glücks. Er klammert sich an Traditionen, die seinem subjektiven Lebensgefühl entsprechen. In Italien ist Giono unter seinesgleichen. Im Grunde hat er gar nicht den Ort gewechselt. Er fährt über die Grenze, um heimzukommen.

Ganz anders Charles-Frederic Brun in Gionos später Erzählung „Der Deserteur“. Diese Geschichte ist 1966 entstanden und 1973 erschienen. Da ist ein Mann, „der einfach weggeht“. Er „desertiert aus einer bestimmten Gesellschaftsform, um in einer anderen zu leben“. Nach fünfzig Seiten wissen wir es: Gionos Deserteur läßt sich im Wallis nieder, er gibt seinen Namen preis und verbringt den Rest seines Lebens als Votiv- und Heiligenmaler. Fünfzig Seiten braucht der Autor, um etwa fünfzig Kilometer Fluchtweg im Schweizer Grenzgebiet zu beschreiben. Die Umständlichkeit eines Erzählers, der den Zenit seines Ruhmes überschritten hat? Von wegen. Was auf den ersten Blick als pedantisches Ratespiel erscheinen mag, entpuppt sich als hochkarätiges „Charakterstück“. Giono betreibt literarische Kriminologie. Er bezieht den Steckbrief und das Protokoll in die Erzählung mit ein. Auf die Phantasie ist kaum noch Verlaß, schließlich läuft die Wirklichkeit jeder Fiktion den Rang ab.

Die Metamorphosen von Jean Giono haben etwas gemeinsam mit einer Entwicklung, die der Südtiroler Franz Turnier als „Rückzug auf Genauigkeit“ definiert hat. Beide Schriftsteller erreichen in ihren späten Arbeiten einen Punkt, den man mit Gelassenheit umschreiben könnte. Giono wird im Alter jung. Sein Auge gewinnt an Schärfe. Was wir sehen, hat die Authentizität einer Daguerreotypie.

Folgt Gionos exakte Beobachtung des Heiligenmalers und Deserteurs auch einem autobiographischen Impuls? Jedenfalls wirkt Sympathetisches zwischen Charles-Frederic Brun und seinem literarischen Urheber. Auch Giono ist ein Mann zwischen allen Stühlen. Mit der Bourgeoisie steht er auf Kriegsfuß. Mit dem Kollektiv kann er erst recht nichts anfangen. Weil er nicht mit dem großen Haufen zieht, fällt er zweimal, 1939 und 1944, in Ungnade. Giono ist selbst ein Deserteur aus Überzeugung. In „Noah“, einem Roman über Romane – eine Neuveröffentlichung der deutschen Ausgabe ist ein dringendes Desiderat –, macht Giono seine Leser zu Zeugen eines Erkenntnisprozesses. Er gibt sich Rechenschaft über den Irrweg der Maßlosigkeit, er steckt zurück, das Schreiben reduziert er auf die Tätigkeit des Handwerkers. Was bringt es ihm? Eine „gewisse Gehirntätigkeit“ und einen „interessanten Kontakt mit der menschlichen Natur“.

Giono hält nichts von einer „allgemeinen Anschauung der Welt“. Er stellt sein subjektives Weltbild zur Diskussion. Die „alltägliche Wirklichkeit“ entkleidet er „aller ihrer Masken“. Das ist kein Rückzug auf die Widerspiegelungsliteratur. Die Wirklichkeit, so wie sie ist, hat für Giono magische Qualitäten. Giono hat gelernt, den Mythen unseres Jahrhunderts zu mißtrauen. Ganz bewußt und vielleicht auch ein wenig störrisch bewahrt er sich eine „einfältige Seite“. Was Giono vor anderen literarischen Zeitgenossen auszeichnet, ist sein Blick aufs Ganze. Mit partiellen Wirklichkeiten gibt er sich nicht zufrieden. Der Engel, an den er glaubt, ist furchtbar. Doch ist er ebenso schön.