Von Volker Stollorz

Mit Hintersinn schrieb Friedrich Wilhelm Schelling 1856: "Jedes Experiment ist eine Frage an die Natur, auf welche sie zu antworten gezwungen ist. Aber die Frage enthält ein verstecktes Urteil a priori; jedes Experiment, das Experiment ist, ist Prophezeiung; das Experimentieren selbst ein Hervorbringen der Erscheinung." Der Naturphilosoph kannte das Paradox: Ihre Geheimnisse sollen der Natur ausgerechnet über die Herstellung unnatürlicher Zustände entlockt werden.

Doch obwohl alle Wissenschaftler dem Experiment eine zentrale Rolle im Erkenntnisprozeß zuschreiben, zählen letztlich nur die daraus resultierenden Ideen, die sogenannten Wahrheiten über die Natur. Diese werden verkündet, gereinigt von den Stoffen, den Apparaten und chemischen Mixturen und losgelöst von der handwerklichen Geschicklichkeit der Experimentatoren.

Zu unrecht, meint eine kleine Gruppe von Philosophen und Historikern in Oldenburg, die sich seit einigen Jahren darum bemüht, die lange vernachlässigte Kultur der Arbeit im Labor zu erforschen. Unzufrieden mit forschungsfernen Modellen der Theorieentwicklung, legen sie selbst einmal Hand an. Sie bauen historische Versuchsanordnungen originalgetreu nach, um mit ihnen wie im 18. oder 19. Jahrhundert zu experimentieren. Ziel dieser Wiederholungen ist es, das Abenteuer des Meßbarmachens von Phänomenen und die Wechselwirkungen zwischen Experiment und theoretischem Modell zu begreifen.

Falk Rieß und seine Arbeitsgruppe für Hochschuldidaktik und Wissenschaftsgeschichte blicken bereits auf eine stattliche Sammlung originalgetreu nachgebauter Experimente aus der Geschichte der Elektrizität zurück. Einer ihrer Klassiker ist zum Beispiel die von Charles Augustin Coulomb beschriebene Torsionswaage (siehe Bild), mit deren Replikat die Gruppe um Rieß experimentiert hat. Die Legende, verbreitet in den Physiklehrbüchern, besagt, daß Coulomb mit diesem Instrument 1785 sein berühmtes Grundgesetz der Elektrostatik bewiesen habe.

Nach etlichen Stunden vergeblichen Experimentierens kamen die Oldenburger zu dein-Schluß, daß daran etwas nicht stimmen konnte. Coulomb hatte in seiner Veröffentlichung als Beweis für das Gelingen seiner Experimente lediglich drei Meßwerte angegeben. Obwohl er aus heutiger Sicht zu recht vermutete, daß die Abstoßungskraft zwischen elektrischen Punktladungen proportional zum Produkt der Einzelladungen und umgekehrt proportional zum Quadrat ihres Abstandes ist, läßt sich dieses Gesetz mit der originalgetreu nachgebauten Torsionswaage nicht zweifelsfrei herleiten. Zusätzlich zu den von Coulomb angegebenen Daten erhielten die Oldenburger Historiker Meßwerte, die partout nicht zum Grundgesetz der Elektrostatik passen wollten.

Welche Antwort hat nun die Natur auf die ihr von Coulomb gestellte Frage gegeben? Ein Blick in die Geschichte machte die Oldenburger auf die wechselvolle Karriere der Coulombschen Experimente aufmerksam. In Frankreich und England regte sich zunächst kaum Widerstand gegen den experimentellen Beweis des Coulombschen Gesetzes. Allerdings wurde dort das Experiment in den Jahren nach seiner Veröffentlichung nicht ernsthaft wiederholt, sondern schlicht als Beweis akzeptiert. Nicht so in Deutschland. Dort experimentierten Naturforscher mit der Torsionwaage, erhielten aber Meßwerte, die sie zu einer anderen Gesetzesformel führten.