ESSEN. – Schon das Gartentor weist darauf hin, daß in diesem alten, etwas verwitterten Einfamilienhaus im Stadtteil Bredeney offenkundig ein Tonschöpfer zu Hause ist: Ein Violinschlüssel und drei Notenzeichen sind kunstvoll zwischen die schmiedeeisernen Stäbe eingearbeitet. Das holzvertäfelte Arbeitszimmer des Hausherrn verrät, daß es sich zudem um einen höchst erfolgreichen Komponisten handeln muß: Außer einer Orgel, einer Gitarre und einer umfangreichen Schallplattensammlung springen mehrere Platin- und Goldschallplatten ins Auge.

Dies ist die Werkstatt von Wolfgang Neukirchner. Rund zweihundert Schlager, von denen viele Hits wurden, hat er hier „geschmiedet“, sagt er – und dies nur nebenbei; denn im Hauptberuf war der 69jährige bis vor wenigen Jahren Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Neukirchner schrieb Schlager für Gitte, Rex Gildo, Cliff Richard, Paul Kuhn und Ralf Bendix. Vom ihm stammen Schunkelmelodien wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ oder Wirtschaftswunder-Hits wie „Schaffe, schaffe, Häusle baue“. Vor allem aber rühmt sich Neukirchner, der geistige Vater von Heino zu sein. Heinos Image habe er entworfen, weswegen er von der Schallplattenfirma auch „Chefideologe“ genannt worden sei, erzählt er amüsiert. Und natürlich stammen auch die meisten von Heinos Hits aus Neukirchners Feder, zum Beispiel „Blau, blau, blau blüht der Enzian“, „Karamba, karacho, ein Whisky“ oder „Carneval in Rio“.

Zusammen mit seinem alten Essener Schulfreund Ralf Bendix, der eigentlich Karl-Heinz Schwab heißt und ein Doktor rer. pol. ist, hatte Neukirchner Heino entdeckt, als dieser mit Freddy-Parodien übers Land tingelte. „Mit dem könnteste vielleicht was machen“, habe Bendix gemeint, und Neukirchner „gab dann dem ganzen Heino die Richtung“, wie er sagt: „Heino sollte den Guten, den Sauberen, den Anständigen verkörpern. Wir wollten etwas dagegen setzen.“ Wogegen? „Na, das war doch die Zeit, als die Beatles aufkamen und die langen Haare.“

Die gemütvollen alten Volkslieder sollte Heino wieder populär machen. Daß dies auf massive Ablehnung stieß, überraschte Neukirchner: „Es hieß, das sei Naziliedgut, Knobelbecheratmosphäre.“ Keine einzige deutsche Rundfunkanstalt habe Heinos Platten gespielt, nur auf Radio Luxemburg sei er anfangs zu hören gewesen. Eine Anstalt habe sogar eine Sendung im Programm gehabt mit dem Titel: „Das wird bei uns nicht gespielt“; und dann habe man das Zerbrechen einer Schallplatte gehört. Das ZDF habe Heinos erste Langspielplatte „Kein schöner Land“ wie einen Gegenstand aus dem Giftschrank präsentiert, erzählt Neukirchner, noch im nachhinein konsterniert. Nach jedem Lied habe „eine linke Soziologin“ erklärt, warum das alles ganz schlimm sei. Am Tag nach der Sendung aber seien die Verkaufszahlen der Platte in die Höhe geschnellt.

Neukirchner wehrt sich dagegen, daß Heino Nazilieder wieder salonfähig gemacht habe. Die meisten dieser Lieder seien doch viel älter, entstammten beispielsweise der bündischen Jugend und seien von den Nazis nur mißbraucht worden. Im übrigen fänden sich diese alten Lieder ja nur auf Heinos Langspielplatten, seine Single-Hits seien allesamt neue Lieder gewesen – Neukirchners Lieder.

So ernst, wie die Kritiker Heino nahmen, hätten sie, die Leute um ihn herum, die Arbeit nie genommen. Es sei viel gelacht worden in diesem Arbeitszimmer – im Sommer auch im Garten wenn wieder ein neues Heino-Lied entstand. „Ich hab’ zum Beispiel geschrieben: ‚Im Lande der Azoren‘. So ein Blödsinn!“ Und amüsiert erzählt Neukirchner, daß sich Richterkollegen und Rechtsanwälte stets wortreich von dieser Musik distanzierten, dann aber um eine Heino-Platte mit Widmung „für die Mutter“ baten.

Was treibt einen Verwaltungsrichter zu solch einem Nebenjob? Die Liebe zur Musik, antwortet er, die sei ihm von seinen Eltern mitgegeben worden. Der Vater war Kammermusiker, die Mutter Sängerin. Nach dem Krieg, als Jurastudent, spielte er in einem Hochschulorchester und vertonte Texte von Walther von der Vogelweide und Goethes „Erlkönig“-Ballade – als Swing-Nummern.

Später schloß er sich dem Studentenkabarett „Die Amnestierten“ an, aus dem die Kabarettistinnen Ursula Noack und Hanne Wieder hervorgingen. Wolfgang Neukirchner jedoch mochte das Showgeschäft nicht zu seiner Existenzgrundlage machen. Er beendete sein Studium, das zwischenzeitlich „geruht“ habe, und schlug die Richterlaufbahn ein. „Ich brauche ’ne Sicherheit im Rücken“, bekennt er. Der launenhaften Gunst von Publikum und Produzenten mochte er sich nicht ausliefern. Er sei eben nur „halb Bohemien“, zur anderen Hälfte sei er „Spießbürger“, meint er lächelnd. Daß er dann doch noch eine beachtliche Karriere als Schlagerkomponist machte, verdankt er Ralf Bendix. Als der einen Schallplattenvertrag erhielt, schrieb Neukirchner ihm die ersten Lieder und kam so ins Geschäft.

Er wollte sich jedoch nie nachsagen lassen, betont er, daß er wegen seiner Komponistentätigkeit sein Richteramt vernachlässige. Vielleicht erwarb er sich gerade deswegen den Ruf, ein guter und gewissenhafter Richter gewesen zu sein. Als er pensioniert wurde, würdigte man ihn allenthalben als hervorragenden Juristen. Er selbst sagt, gerade als Vorsitzender Richter an einem Verwaltungsgericht „ist der Bezug zum Bürger am größten“. Vor ihm saßen Kriegsdienstverweigerer, Ausländer, Sozialhilfeempfänger. Allen habe er sich offen und unvoreingenommen genähert, erzählt ein Rechtsanwalt, der häufiger Mandanten bei Neukirchner vertrat.

Als Komponist hat Neukirchner sich inzwischen fast völlig zur Ruhe gesetzt. Nur noch zum Privatvergnügen mag er komponieren. Wenn Freunde Geburtstag haben, verfaßt er für sie persönliche Lieder, die er auf Band aufnimmt und verschenkt. Auch sein Freund Ralf Bendix hat sich längst aus dem Geschäft zurückgezogen. Nur privat treffen sie sich noch, wie neulich zum 50jährigen Abiturjubiläum in Essen. Für Paul Kuhn machte er jetzt eine Ausnahme; er schrieb für ihn einen Schlager über Golfspielen.

Neukirchners Zusammenarbeit mit Heino endete vor fünf Jahren, nachdem sich dessen Ehefrau, Prinzessin Auersperg, immer mehr ins Geschäft gemischt habe. Sie habe aus Heino einen ganz normalen Schlagersänger machen wollen. Ein Hit, merkt Neukirchner an, sei ihm seitdem nicht mehr geglückt. Die Rap-Version, die Heino unlängst von seinem Enzian-Lied herausbrachte, sei sogar ein ausgesprochener Flop geworden., Die einstigen Kritiker habe so viel Selbstironie zwar amüsiert, doch gekauft hätten sie die Platte nicht. Und die eingefleischten Heino-Fans hätten sich mit Grausen abgewendet.

In jüngster Zeit habe Heino ab und zu vorfühlen lassen, ob man nicht wieder zusammenarbeiten könne, erzählt Neukirchner. Doch er habe abgelehnt: „Alles hat seine Zeit.“

Roland Kirbach