Was Vieregg in seinem umstrittenen Aufsatz zeigt, ist allerdings nicht völlig neu. Spätestens seit der Werkausgabe von 1991 war bekannt, daß Eich während der Nazi-Zeit rund 150 Rundfunkmanuskripte verfaßt oder mitverfaßt hat, darunter 75 Folgen der beliebten Funkserie "Deutscher Kalender – Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten". Anhand des nur ihm bekannten Briefmaterials versucht Vieregg, die private und berufliche Situation Eichs zu rekonstruieren und ihm ein ambivalentes, zeitweise zynisch-opportunistisches Verhältnis zum Regime nachzuweisen

Das Bild, das Vieregg entwirft, zeigt einen jungen, begabten und karrierebewußten Autor, der begierig die Chance ergreift, sich das seinerzeit revolutionäre Medium Hörfunk anzueignen, und der sich, nicht zuletzt angetrieben durch permanente Geldsorgen, den ideologischen Direktiven willfährig fügt. Mit dieser Interpretation will Vieregg der Legende entgegenwirken, Günter Eich habe zu den Autoren der "inneren Emigration" gehört, zu jenen also, die dem Regime in feindlicher Passivität begegnet sind und in dieser Zeit nichts oder nur wenig produziert haben. Günter Eich habe, so Viereggs nach Verständnis und Vergebung mühsam, aber vergeblich ringendes Resümee, den Zwiespalt, den Opportunismus seines schriftstellerischen Daseins immer stärker empfunden, er habe sein Fehlverhalten selber am klarsten erkannt und aus dieser Erkenntnis seine dichterische Kraft gewonnen.

Axel Viereggs Essay lebt vom Pathos "Der Wahrheit eine Gasse". Auf dem schmalen Befund der Fakten und auf der unsicheren Basis interpretierbarer brieflicher Äußerungen geht er mit Eich hart ins Gericht. Eich habe gegen die Ereignisse seiner Zeit schon früh "eine Gleichgültigkeit, ja Verantwortungslosigkeit" an den Tag gelegt, kaum etwas anderes habe er im Sinn gehabt als seine Rundfunkkarriere, er habe sich "als Teil der NS-Propagandamaschinerie" gesehen und habe "bewußt für den nationalsozialistischen Staat optiert". Viereggs Verdikt gipfelt in dem Vorwurf, Eich habe nach dem Krieg seine schriftstellerische Tätigkeit während der Hitlerjahre verdrängt. "Er wiegelte ab, wich aus." Noch 1961 habe er schönfärberisch behauptet: "Meine Hörspiele sind damals kaum beachtet worden."

An dieser Stelle wird kenntlich, wie Viereggs scheinbar objektiver Bericht in eine gesinnungsprüferische Rechthaberei umschlägt. Denn Eich spricht ausdrücklich von Hörspielen, so daß Vieregg mit seinem Einwand, Eichs Rundfunkarbeiten seien in der NS-Zeit überaus erfolgreich gewesen, verunklärend und damit verfälschend vorgeht. Denn erfolgreich war die Landboten-Sendung, und die zu machen hat sich Eich in seinen Briefen in der Tat beklagt.

Diese Klage läßt sich anders verstehen, als Vieregg es tut, nämlich als Bedauern darüber, so tief unter das eigene literarische Niveau gehen zu müssen. Die Sendung war, wenn die einzige in der Werkausgabe abgedruckte Folge repräsentativ ist, betulicher, apolitischer Heimatkitsch und war insofern auch, da hat Vieregg recht, Teil der Idyllenproduktion des Nationalsozialismus. Aber daraus zu schließen, Eich habe bewußt für den nationalsozialistischen Staat optiert und später darüber geschwiegen, verrät Viereggs Voreingenommenheit, die offenbar mit einer Art Entdeckungsrausch zu tun hat.

Es ist bekannt, daß Eich ein verschlossener Mensch war, der über Biographisches und Privates keine Auskunft gab. Er hat aber nicht abgewiegelt. Als er 1947 gebeten wurde, Auskunft über die "innere Emigration" zu geben, sagte er: "Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun als ob, liegt mir nicht." Diese Äußerung zitiert auch Vieregg, aber er scheint sie als Ausdruck schlechten Gewissens deuten zu wollen, während man doch knapper und ehrlicher kaum sprechen kann. Es wäre manches leichter gewesen nach dem Krieg, wenn alle nachträglichen Helden des Widerstands sich so geäußert hätten.

Aber Vieregg braucht für seine These einen gebrochenen, verwundeten Eich. Denn je reumütiger und zugleich verdrängungsbereiter er den Nachkriegs-Eich zeigen kann, desto entschiedener kann er dem Vorkriegs-Eich Verantwortungslosigkeit und Karrieresucht unterstellen. In der Tat hat Eich Kompromisse gemacht, die mindestens faul waren. Aber Eich war niemals ein Anhänger oder gar Sprachrohr des Nationalsozialismus, er hatte kein Amt, er war nicht angestellt, er bekam keine Preise, er hatte keinen Einfluß und suchte ihn auch nicht.