Politik interessierte ihn wenig, und kaum jemand hätte dem kränkelnden, zeit seines Lebens von Schmerzen geplagten Mann zugetraut, mit den Belastungen eines öffentlichen Amtes fertig zu werden. Aber der Vater hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß einer seiner Söhne dereinst ganz oben stehen sollte. Mochte es dem Sprößling an Begabung fehlen, Geld war genug vorhanden: "Wir werden dich wie Seifenpulver verkaufen." So begann der Kampf um ein Image. Vater gab bei einem bekannten Journalisten ein Buch in Auftrag, und bald schmückte sich der Sohn, selbst ein miserabler Schreiber, mit dem Pulitzerpreis; als Kriegshelden feierten sie ihn, nachdem alle Berichte, wie dilettantisch er sein Patrouillenboot kommandiert hatte, vom Markt weggekauft waren. Und man nahm ihm gar die Rolle als treuer Ehemann ab, ausgerechnet ihm, dem manischsten Schürzenjäger im Land. Er schaffte tatsächlich, was der Vater ihm aufgegeben: Am 20. Januar 1961 leistete er auf den Stufen des Kapitals den Eid – John Fitzgerald Kennedy.

Daß das Image einer Lichtgestalt hinten und vorne nicht stimmt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. "Sex and drugs and rock ’n’ roll" hätte nach einem Besuch des Kennedyschen Weißen Hauses geschrieben werden können. Aber die Getreuen unter den amerikanischen Historikern stört das wenig. Sie erklären JFKs Privatleben zu einer Sache für Tugendwächter und Amateurpsychologen, kaum der Rede wert, weil die Amtsführung des Präsidenten angeblich nicht davon berührt wurde. So wohlfeil wird man nach dem Buch von Thomas C. Reeves kaum mehr urteilen können. Kennedys Charakter, schreibt der Autor, ist ein Politikum. Seine Art zu leben, zu fühlen, zu denken und zu entscheiden kam dem Land teuer zu stehen und fügte nicht zuletzt dem Amt, das er so verbissen angestrebt hatte, schweren Schaden zu.

Als er ins Weiße Haus einzog, wußte JFK, wie man Wählerstimmen fängt. Auf alles andere, ob Bürgerrechte im eigenen Land oder gar Außenpolitisches, war er so schlecht wie wohl kein Präsident vor oder nach ihm vorbereitet. Kennedy war gewiß intelligent, wißbegierig und von schneller Auffassungsgabe. Dennoch hielt ihn die alte Garde der Demokraten, Adlai Stevenson etwa oder Eleanor Roosevelt, für unreif und seinem Amt moralisch nicht gewachsen. Chruschtschow hingegen lachte sich ins Fäustchen – ein schwerer Fehler, wie sich bald zeigen sollte. Denn nichts fürchtete Kennedy so sehr wie den Vorwurf der Schwäche. Um stark, männlich und hart zu erscheinen, war ihm fast alles recht, auch das Spiel mit dem Tod, das er während der Kuba-Krise trieb. Kritiker haben Reeves einen Hang zur Einseitigkeit und Schwarzweißmalerei nachgesagt, aber darüber vergessen, wie einseitig Kennedy selbst seine Welt sah, macht versessen und unerbittlich gegen alle, die ihm im Weg standen. Kein Tabu, mit der Mafia zu spielen, deren Killer er auf Castro hetzte. Oder spielte die Mafia gar mit ihm, wissend, wie verwundbar ein Präsident ist, der sich eine Geliebte mit einem "Paten" teilt? Jedenfalls drang das Gift der Gewalt allmählich in alle Poren der Politik ein.

Reeves, ein ehemaliger Verehrer des Präsidenten, schreibt sich den Mythos der Kennedys von der Seele, so engagiert, als laste er noch immer übermächtig und unbezwingbar auf dem Land – verständlich in einer Zeit, wo wieder nostalgische Erinnerungen an die frühen sechziger Jahre aufkommen. Aber er macht es sich am Ende zu einfach, wenn er dem verderbten Präsidenten eine Gesellschaft ehrlicher Bürger gegenüberstellt. Mit Manipulation kann man Wahlen gewinnen. Doch jahrzehntelang eine Gesellschaft mit einem Image in den Bann zu schlagen, ist etwas anderes. Dann nämlich hat die Gesellschaft, die dergleichen zuläßt oder nötig hat, ein Problem mit sich selbst. Stoff genug für ein noch nicht geschriebenes Buch über den Mann, der eigentlich gar nicht Politiker hatte werden wollen. Bernd Greiner

  • Thomas C. Reeves:

John F. Kennedy

Die Entzauberung eines Mythos; aus dem Amerikanischen von Anni Pott; Kabel-Verlag, Hamburg 1992; 656 S., 58,– DM