West 3, 20. April, 23 Uhr und 21. April, 22 Uhr: "Hitler zu verkaufen"

So wie in Helmut Dietls nicht oscargekrönter Filmfarce "Schtonk" war es vermutlich eher nicht: Der Verlagsleiter des Magazins HH-press tanzt vor seinem Starreporter und Hitler-Tagebuch-Entdecker Hermann Willie die peinlichste Stepnummer der Leinwandgeschichte, blind vor Freude über den "größten Scoop der deutschen Pressegeschichte", der dann bloß ihre peinlichste Ente gewesen sein wird...

So wie in Alastair Reids britischem Doku-Drama "Selling Hitler" war es vermutlich schon eher: Ein Redaktionsflur-Drama aus Ehrgeiz (von Enttäuschungen verzehnfacht), Mißtrauen und Größenwahn läuft da ab, als ein Reporter und ein Ressortleiter an Chefredaktion und Herausgeber einer Großillustrierten vorbei den größten Scoop der deutschen Pressegeschichte vorbereiten, der dann... siehe oben.

In Reids zweiteiligem Fernsehfilm tragen alle handelnden Figuren Namen wie im wirklichen Leben: Der stern heißt stem, sein Herausgeber Nannen Nannen, der Reporter Heidemann Heidemann, und so weiter. Nur Hitlers spätgeborener Ghostwriter Konrad Kujau tritt als Conny Fischer in Erscheinung, angetan mit Lederhosen und ausgestattet mit einer Vorliebe für Schinkenhäger-Schnaps. Das ist Reids einziger Ausflug ins dietlsche Reich der Karikatur – abgesehen von einigen Wagneroper-Traumsequenzen, in denen die Walküren dem Siegfried Heidemann mit stern-Fähnchen zuwinken.

Reids Film spart sich alle chauvinistische Häme, wie man sie leicht von der Insel festlandwärts über die vor Geld- und Erfolgsgier blinde deutsche Medienbranche hätte ausschütten können. Statt dessen bekommt auch der inseleigene Pressemogul Rupert Murdoch sein Fett ab, schwitzend um die Rechte an der Story feilschend, sehr an ihrem Verkaufswert, an ihrem moralischen Nutzen nicht so interessiert. Auch der bekanntermaßen betont hitlerfreundliche britische Historiker David Irving taucht auf und reist, trotz Einreiseverbots, eifrig durch Deutschland. "Herzlich willkommen, Herr Irving", sagt der Grenzbeamte.

Reids Helden sind die Redakteure, die Profis, die keiner gefragt hat: der sehr kurzärmelige Peter Koch vom stern, die Kollegen von der Sunday Times, die schnell den Braten riechen und trotzdem von ihren skrupellosen Verlegern über den Tisch gezogen werden. Reids Bösewichte sitzen in den Geschäftsführungsetagen, werfen aus niedrigsten Motiven mit Bargeld um sich und scheren sich einen Dreck um die politischen Folgen der kleinen Hitler-Verschönerungs-Kampagne, die sie anzetteln.

Der WDR schenkt dem stern das Fernsehspiel des britischen Privatsenders ITV zum zehnjährigen Skandal-Jubiläum: Ende April 1983 war es, als die Hamburger Illustrierte Ihren Lesern in einer auf Montag vorgezogenen Ausgabe die Hitler-Tagebücher präsentierte, die bloß mit schwarzem Tee gegelbte Kujau-Tagebücher waren und deren Beschaffung den Gruner + Jahr-Verlag 9,32 Millionen Mark gekostet haben soll. "Selling Hitler" (deutsch: "Hitler zu verkaufen") ist so penibel und solide wie der Materialienband zu "Schtonk": die trockene Schulfunk-Version von Helmut Dietls Masken- und Grimassenspiel. Robin Detje