Zum erstenmal seit Beginn des Tarifkonflikts um den Stufenplan der ostdeutschen Metallindustrie deutete der IG-Metall-Vorsitzende Bereitschaft zum Einlenken an. Die Arbeitnehmer, sagte Franz Steinkühler über Ostern, seien zu Kompromissen bereit, die "möglicherweise auch weh tun werden". Doch ein Spitzengespräch lehnt der Gewerkschaftschef nach wie vor ab. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und sein Präsident Hans-Joachim Gottschol, begründete Steinkühler, böten keine hinreichende Gewähr, daß abgeschlossene Tarifverträge auch eingehalten würden.

Die Verbitterung, die aus dieser bösen Abfuhr spricht, macht einmal mehr deutlich, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen den Tarifparteien ist. Dabei wäre ein Treffen unter vier Augen in der Auseinandersetzung dieses Jahres ganz besonders wichtig. Denn mehr als je zuvor scheint derzeit in den neuen Bundesländern ein Stellvertreterkrieg abzulaufen. Kurt Biedenkopf, der sich bemühte, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln, hat den Verdacht offen ausgesprochen. Die Entscheidungen der Arbeitgeber seien nicht in Dresden, sondern bei Gesamtmetall in Köln getroffen worden, erklärte er im Spiegel. Diesen Eindruck hatten schon die offiziellen Schlichter nach ihren vergeblichen Anstrengungen, beide Seiten auf einen Nenner zu bringen. Auch einzelne Unternehmen, die Bereitschaft signalisierten, den Stufenplan zu erfüllen, mußten bisher mit Schelte aus der Arbeitgeberzentrale rechnen. Und mancher zog sein Angebot danach wieder zurück.

Mittlerweile allerdings rät Gesamtmetall seinen Mitgliedern ganz offen zum Ausscheren aus dem Vertrag: Danach können Firmen die vereinbarte Lohnerhöhung von 26 Prozent zahlen, aber auch nur die angebotenen neun Prozent mehr oder sogar noch weniger – je nach Vermögen. Der Flächentarifvertrag würde damit der Vergangenheit angehören, zumindest im Osten. Steckt dahinter vielleicht die Gesamtstrategie, die Sachsens Ministerpräsident vermutet und die zum Vorbild für den Westen werden könnte?

Seit Jahren klagen auch in der alten Bundesrepublik vor allem Mittelständler über die Zwänge des Flächentarifvertrags. Im Osten ist das Leistungsvermögen der Betriebe noch unterschiedlicher als im Westen. Während die einen mit modernstem Maschinenpark und hoher Produktivität im Wettbewerb durchaus mithalten können, stehen andere am Rande der Pleite. Doch solche Differenzen ließen sich im Rahmen eines regionalen Abkommens durchaus entschärfen.

Einen Stellvertreterkrieg im Osten ficht freilich nicht nur Gesamtmetall. Auch für die IG Metall geht es längst um mehr als Prozente. Zum einen will sie ihren Mitgliedern in Ost wie West beweisen, daß sie sich einen mehrjährigen Vertrag nicht ohne Streiks abhandeln läßt. Schließlich steht die Glaubwürdigkeit der Interessenvertretung – besonders in den neuen Ländern – auf dem Spiel. Zum anderen kämpft sie für den Erhalt des Flächenvertrags, mit dem bisher nicht nur ihre Klientel, sondern die Gesellschaft insgesamt gut gefahren ist. Daß selbst die Gewerkschaft neuerdings mit Firmentarifverträgen droht, zeigt, wie real die Gefahr einer Zersplitterung der Tariflandschaft ist. Englische Verhältnisse mit zahlreichen betrieblichen Streiks würden dann auch hierzulande für sozialen Unfrieden sorgen und einen Standortvorteil zunichte machen.

Am Prinzip des Flächentarifvertrags müssen die Tarifparteien deshalb festhalten. Dafür lohnen sich Opfer und Kompromißbereitschaft auf beiden Seiten. Es gibt reichlich Stoff für Gespräche – gerade nach einem Streit, der an die Grundfesten der Tarifpartnerschaft rührt. Erika Martens