Von Dirk Schütz

Als in den sechziger Jahren der neue Sitz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gebaut wurde, entsandte die japanische Regierung eigens einen Meister fernöstlicher Gartenbaukunst nach Genf. Der schuf den WHO-Mitarbeitern einen Hort der Ruhe und Einkehr. Herr des Fischbeckens war ein Karpfen, von den Funktionären „GD“ getauft, in Anlehnung an den japanischen Generaldirektor Hiroshi Nakajima. Wenige Wochen vor der Neuwahl des WHO-Leiters endete die Harmonie jedoch abrupt: Man fand „GD“ und einige Goldfische mit aufgeschlitztem Bauch neben dem Becken liegend. Kurz darauf meldete sich bei einer Genfer Zeitung anonym ein WHO-Funktionär und erklärte, die Tat sei durchaus symbolisch zu verstehen.

Doch der Tod der Fische war umsonst. Wenn die WHO-Mitarbeiter, auch nach den Worten des Genfer US-Botschafters Morris Abram, „von der Basis bis an die Spitze“ demoralisiert seien von der Amtsführung Nakajimas, so konnte sich der Exekutivrat der Organisation dennoch nicht für eine Abwahl des umstrittenen Japaners entscheiden. 18 der 31 Ratsmitglieder stimmten auf ihrer diesjährigen Sitzung für ein zweites Fünfjahresmandat des 64jährigen, das noch von der Weltgesundheitskonferenz im Mai bestätigt werden muß. Das will der amerikanische Aids-Experte Jonathan Mann allerdings mit einer Fernsehdebatte zwischen dem unterlegenen Algerier Mohammed Abdelmoumène und dem Japaner verhindern. Überlagert wird der Konflikt von den internationalen Ambitionen Japans: Unterstützte Tokio vor fünf Jahren seinen Kandidaten erst mit Verspätung, so betrieben die Japaner jetzt die Wiederwahl Nakajimas schon frühzeitig als eine Staatsangelegenheit von höchster Dringlichkeit. Zum einen, weil eine Abwahl des Generaldirektors nach nur einer Amtszeit als öffentliche Demütigung empfunden worden wäre, denn die WHO zeichnet sich traditionell durch lange Amtszeiten ihrer Leiter aus. Nakajimas Vorgänger, der Däne Halfdan Mahler, stand fünfzehn Jahre an der Spitze, der Brasilianer Candau davor sogar zwanzig Jahre.

Zum anderen ist die Leitung einer bedeutenden UN-Einrichtung für die Japaner zum jetzigen Zeitpunkt ein willkommenes Instrument, ihren Anspruch auf eine wichtigere Rolle im Kreis der Vereinten Nationen zu untermauern – mit dem Fernziel des ständigen Sitzes im UN-Sicherheitsrat. Da hat es für Tokio nur geringe Bedeutung, daß der Chef der UN-Mission in Kambodscha Japaner ist und daß mit Sadako Ogata seit zwei Jahren eine Japanerin an der Spitze des UN-Flüchtlingskommissariats in Genf steht. Denn Ogata wurde lediglich vom UN-Generalsekretär eingesetzt, während mit Nakajima der erste Japaner an die Spitze einer UN-Organisation gewählt wurde. Das hat weitaus höheren Symbolwert.

Erstmals auf UN-Parkett, ließen es die Japaner deshalb auf eine offene Konfrontation mit den USA ankommen. Dabei waren die Mittel auf beiden Seiten nicht immer die feinsten. Die Japaner bezichtigten die USA einer systematischen Desinformationskampagne, die ausschließlich in persönlicher Abneigung gegen Nakajima begründet sei. Ein internes Papier des US-Außenministeriums dagegen beschuldigt die Japaner mehr oder weniger deutlich des Kaufs von Stimmen der ärmeren Mitgliedsländer des Exekutivrates. Natürlich weist Japan strikt alle Beschuldigungen zurück. Doch die Hartnäckigkeit der Gerüchte und die Unterschiedlichkeit der Quellen deuten darauf hin, daß Tokio etwas mehr geleistet haben dürfte als rein verbale Überzeugungsarbeit.

Beweisen läßt sich das bisher nicht. Auffällig ist allerdings, daß Nakajima als Vertreter eines wohlhabenden Industriestaates die Stimmen aller Entwicklungsländer bekam, während sein Gegenkandidat, der Algerier Mohammed Abdelmoumène, trotz seiner Herkunft aus einem Entwicklungsland nur die Stimmen der Nordamerikaner, der Europäer und der Arabischen Liga erhielt. Für die japanische Regierung liegt darin der Beweis für die große Popularität Nakajimas in den Entwicklungsländern. Die unterlegene Seite führt das Resultat dagegen mehr auf Posten-Versprechungen der Japaner und Finanzhilfe für Prestigeobjekte zurück. Doch dazu wollen sich die Entwicklungsländer nicht äußern.

Die Kritik an Nakajima richtet sich vor allem gegen seinen Führungsstil: Von erfolgreichen japanischen Managementmethoden sei bei ihm nicht viel zu entdecken, beklagen besonders die Amerikaner. Er sei unkommunikativ und visionslos. Auch ist er bei den WHO-Mitarbeitern nicht sehr beliebt. Er neigt zu einsamen Entschlüssen, nicht zuletzt aufgrund von Sprachproblemen. Dolmetscher lehnt er meist ab. Doch selbst japanische Journalisten geben zu, seinen Gedankengängen häufig äußerst schwer folgen zu können. Außerdem wird ihm eine autoritäre Personalpolitik vorgeworfen, die immer mehr anerkannte Persönlichkeiten aus der 4700-Mitarbeiter-Organisation vertreibe. Nach einem Streit mit Nakajima verließ etwa der bekannte Aids-Experte Jonathan Mann im März 1990 die Organisation. Er hatte das WHO-Aids-Programm aufgebaut. Und als der Neurologe Abdelmoumène, Nakajimas Stellvertreter, im August vergangenen Jahres seine Bewerbung um den Chefposten ankündigte, entließ ihn der Japaner kurzerhand – wegen „mangelnder Loyalität“.