Ein Nachmittag im Schuhladen. Mami trägt Netzstrümpfe und probiert Stiefel. Sohn Karl nervt und wird auf die Spielwiese der „Schuh-Kai“-Filiale verbannt. Karl mault. So weit, so banal – und bestens geeignet für ein weiteres jener Comicdramen, wie sie uns die Witzereißer en suite liefern. Und wie wir sie in ihrer Berechenbarkeit nicht mehr ertragen können.

Doch halt, diesmal nicht. Denn bevor die Bildergeschichte losgeht, biegt sie erst einmal ab. Und kehrt zum Glück nie wieder: Sohn Karl knüpft seine Schnürsenkel zusammen, um wieder zu Mami zurückzufinden, die Schuhladengeier aber fressen sie ihm wieder weg; auf der Spielwiese gründet Karl ein Königreich und will tausend Kinder zeugen – so assoziiert sich die Abschweifung auf und davon. Doch damit nicht genug. Schließlich enthält uns der Autor auch noch die Katharsis vor, keine Pointe weit und breit. Statt dessen läßt er die Story schlicht versenden: Irgendwann wird Mami mit den neuen Stiefeln ankommen und Sohn Karl aus dem Spielhaus zerren. Aus, Schluß.

„Quitsch, quitsch“, machen sich die beiden davon und lassen uns zurück. Zwar von den eigenen Erwartungen düpiert, doch mit einem Mal wie verwandelt, denn Karl, das Kind mit dem Kaugummi im Schuh („Ruckedikuu“), hat uns in die fremde seltsame Welt von seinesgleichen geführt – wo eine innige Vorliebe für bizarre Details herrscht („Ich habe die Uniform von Papi zerkocht und dir aus den Fasern eine Unterhose grobgestrickt“) und wo man versucht, Minderjährigen „3 Meter lange Stäbe“ als Sensation zu verkaufen. Und schon wandern wir wachen Auges durch die Stadt und entdecken das Schild einer Imbißbude, das uns seit Jahren entging: „An den Tischen ist Verzehrzwang“.

Der Zeichner mit dem Kinderblick und dem Talent, nicht bei der Sache zu bleiben, heißt Rattelschneck und ist regelmäßigen Lesern der Satirezeitschriften Titanic und Kowalski bestens vertraut. Für Vergeßliche, Sammler und Satirezeitschrift-Ignoranten hat nun der Lappan-Verlag eine Auswahl ebenda erschienener Bildergeschichten zusammengestellt. „Große Aktion! Kranke besuchen Gesunde“ heißt das höchst verdienstvolle Nachschlagewerk – wovon man sich nicht täuschen lassen sollte: Der Titel ist nichts als der Text zum Cartoon auf Seite eins: Da steht ein grüner Zombie am Bett eines Gesunden, der ihn aus schreckgeweiteten Spiegeleieraugen anstarrt (womit die lästige Sache mit der Pointe wieder einmal erledigt wäre).

Eigentlich müßte man von Rattelschneck ja in der Mehrzahl sprechen, denn hinter dem vieldeutigen Namen („Rattle-snake? Kenn’ ich nich’“, der Comics-Händler) verbargen sich ursprünglich drei Zeichner, mittlerweile tut das ein Duo (Marcus Weimar und Olav Westphalen), oft aber bleibt zweiterer weg, wofür ersterer und Rattelschneck in eine Person zusammenfallen. Schließlich mischt sich noch hin und wieder der Berliner Großmeister der humoresken Kurzprosa, Max Goldt, unter die Rattelschnecks – das steht dann aber extra dabei. Wie beim höchst poetischen Abenteuer mit dem Herrn, der ein Phantasiegebäck namens „Tübinger“ verkauft und am Ende mit einem bedingungslosen „Tübinger“-Fan Freundschaft fürs Leben schließt. Freilich erst nachdem er seinem anderswo gekauften Tübinger abgeschworen und ihn in eine willig bereitstehende Hecke gepfeffert hat.

Die Welt von Rattelschneck ist freilich nicht nur kindlich, abgründig und erzieherisch äußerst wertvoll. Sie ist auch schlecht gezeichnet. Da wird geschlampt und geschmiert, und es spucken die Kugelschreiber vor sich hin. Dieses ästhetische Unvermögen freilich, ist Ergebnis einer gediegenen graphischen Ausbildung und mehrfacher Bearbeitung der Zeichnungen mittels Kopiergerät. Und es ist das, was die Kunstgeschichtsschreibung einen „Stil“ nennt, nämlich jener der caricature brüte. (Das ZEIT- Feuilleton hat diesem Phänomen ja erst kürzlich eine Servicelandkarte gewidmet, auf der sich neben dem Geniekreis Rattelschneck/Hamburg noch jener von Tex Rubinowitz/Wien kartographiert fand.)

Nur manchmal, wenn die Proteste der unerträglichen Witz-Fundamentalisten zu grimmig werden, ist Rattelschneck zur Pointe genötigt. In diesen Fällen wendet er sich vertrauensvoll an das Personal der Komikstandardsituationen, wie es sich in den entsprechenden Fachpublikationen (praline) findet: Kellner (gähn), Eingeborene und Partygäste (ächz). Und entlockt ihnen schließlich jenen einzigen Funken Genialität, dem sie einst ihren Einzug ins Welttheater des Humors verdankten: Kellner, mit verächtlichem Blick an einem maulenden Gast vorbeigehend: „Tischlein, leck mich.“ Ein großer Moment! Vorhang,