Ein junges Mädchen in Barcelona muß wie eine Festung sein. Verstehst du mich?“

„Nein, Tante.“

Die achtzehnjährige Andrea kommt, um zu studieren, nach Barcelona, in die „gespenstische Welt der reifen Erwachsenen“: Großmutter, die sich nichts mehr merken kann; Tante Angustias, die Andrea überwacht und schikaniert, dann überraschend ins Kloster geht, Onkel Juan, der miserable Bilder malt und seine Frau Gloria verprügelt, wenn er bemerkt, daß sie heimlich Möbel verkauft, damit überhaupt Geld ins Haus kommt; Onkel Román, der verkrachte Musiker mit seinen dunklen Geschäften, der die Ich-Erzählerin fasziniert und abstößt. An der Universität trifft Andrea die Kinder aus gutem Hause, die alles haben, was ihr und ihrer Familie fehlt: Geld, gute Manieren, elegante Kleidung, Bücher... Nach einem Jahr der alptraumhaften Familienszenen und der tastenden, fast somnambulen, durch die soziale Distanz ständig vom Scheitern bedrohten Freundschafts- und Liebesverhältnisse hilft ihr die Freundin Ena, nach Madrid zu entkommen. Davon handelt, kurz gefaßt, dieser Roman, dessen Titel auf deutsch „Nichts“ bedeutet – nach den Büchern von Juan Marsé ein weiteres schönes Fundstück des Elster Verlags auf seiner Entdeckungsreise durch die iberische Literatur. Der Erstling der 1921 geborenen Autorin erschien 1944 und war gleich ein Erfolg. Er wurde verfilmt und 1952 erstmals in Deutschland veröffentlicht.

„Ich war damals schroff und unduldsam, wie es die Jugend eben ist.“ Das Buch ist voller Sätze wie diesem. Aber kann man denn heute, nachdem Nouveau roman, Dekonstruktivismus und jede Menge postmodern(istisch)er Spitzfindigkeiten über uns hinweggefegt sind, noch so schreiben? Ist eine solche Literatur, in der eine – scheinbar – einfache Stimme schlicht und ruhig im chronologischen Nacheinander und ohne die geringste Effekthascherei eine Geschichte von Stimmungen und Gefühlen erzählt, nicht hoffnungslos hinter unserer Epoche zurückgeblieben? Die Irrelevanz der Theorien, ästhetischer und sonstiger, zeigt sich schließlich daran, daß „Nada“ einen berührt. Man glaubt der Erzählerin ihre Geschichte, und deshalb glaubt man ihr auch ihre oft fast kitschigen Sätze, ihre lapidaren Feststellungen und Erkenntnisse, die die einer Achtzehnjährigen auf dem Weg ins Leben sind. Die Frage, was letztlich die Überzeugungskraft eines Stils im Vergleich zu einem andren ausmache, wollen wir für diesmal offenlassen. Hier fällt einem zunächst Abwesenheit auf, Abwesenheit formaler Extravaganz und stilistischer Forciertheit, Abwesenheit von Weltanschauung, Überzeugungen, Politik, überhaupt von allem, worüber in Seminaren und auf Symposien ad infinitum geredet werden kann. Da wir in solchem Maße auf „das Formale“ hin trainiert sind, wirkt diese scheinbare Schlichtheit, dieses Sprache gewordene Mund-und-Augen-Aufreißen über die Erbärmlichkeit der Umstände so auffällig, wie die Heldin des Romans in ihrem aus der Form geratenen Kleid und den alten Schuhen unter den eleganten Bürgertöchtern und gepflegt verwahrlosten Bohemiens wirken muß. Worüber (zum Beispiel in Lettre International) Paul Feyerabend für die Wissenschaften nachdenkt, das, scheint mir, gelingt Carmen Laforet hier für die Literatur: Erkenntnis ohne Theorie.

Am Ende der Geschichte, deren grausige Pointe nicht verraten sei, heißt es: „Langsam ging ich die Treppe hinunter. Ich war sehr ergriffen. Ich erinnerte mich an die furchtbar große Erwartung, an die Lebensgier, mit der ich diese Treppe zum ersten Mal hinaufgestiegen war. Nun ging ich fort, ohne irgend etwas von dem, was ich undeutlich erhofft hatte, kennengelernt zu haben: das Leben in seiner ganzen Fülle, die Freude, das tiefe Interesse, die Liebe. Aus der Wohnung in der Calle de Anbau nahm ich nichts mit. Jedenfalls glaubte ich das damals.“ Aus eben diesem Lebensgefühl der Depressionen, der verpaßten Gelegenheiten, Irrtümer und Halbheiten ein ganzes Kunstwerk gemacht zu haben, das ist die Leistung von „Nada“. Walter Klier

  • Carmen Laforet:

Nada

Roman, aus dem Spanischen von Hans Joachim Hartstein; Elster Verlag, Moos/Baden-Baden 1992; 331 S., 39,– DM