Von Ulrich Schiller

Washington

Als die amerikanischen Juden gerade mit der verzweifelten Suche begannen, im Holocaust einen Sinn zu finden, stellte das Nachrichtenmagazin Time 1966 auf der Titelseite die Frage: „Ist Gott tot?“ Ein Drittel des von Gott „auserwählten Volkes“ war von den Nazis ermordet worden. Wo war Gott damals? fragten viele. Und: Ist Hitler nicht gar ein Werkzeug Gottes, wenn man die These vom „auserwählten Volk“ logisch zu Ende denkt? So argumentierte damals Richard Rubenstein, Religionslehrer an der Universität Florida, in seinem kontroversen Buch „Nach Auschwitz“.

Andere Fragen, kaum weniger brennend, kamen hinzu, als auch in Amerika Pläne geschmiedet wurden, dem Holocaust Denkmäler zu setzen und Museen zu errichten. Welche Bedeutung hat der Holocaust in der jüdischen Geschichte? Wenn er, wie manche behaupten, das wichtigste Ereignis war, ist dann die historische Rolle der Juden in erster Linie die von Opfern, eine Rolle, die alle schöpferischen Impulse und Traditionen überragt? An der Frage, was das Wort „Holocaust“ eigentlich meine und welchen Platz in der Geschichte des Holocaust die nichtjüdischen Opfer haben sollten, entzündete sich gar ein heftiger Streit.

Gedrängt von einigen Beratern, angeregt von der sorgenvollen Überlegung der Juden, mit der Erinnerung der KZ-Überlebenden ginge zudem die Vergangenheit verloren, hatte Präsident Jimmy Carter 1977 die Schaffung einer nationalen Gedenkstätte für die jüdischen Opfer der Naziherrschaft beschlossen. In der Kommission, die Carter berief, prallten bald zwei Denkschulen aufeinander. Die eine, personifiziert in Simon Wiesenthal, ging davon aus, daß das Wort Holocaust die systematische Ermordung von elf Millionen Menschen meine, von denen sechs Millionen allein wegen ihres Judentums getötet wurden. Doch auch die anderen fünf Millionen, die aus unterschiedlichen Gründen ermordeten Nichtjuden, waren Opfer des Holocaust.

Dem widersprach die andere, von Elie Wiesel dominierte Denkschule. Ihre Anhänger befürchteten, im Ergebnis der Wiesenthal-Definition werde man letztlich nur noch der elf Millionen Opfer insgesamt gedenken. Das spezifische, unverwechselbare Vermächtnis der ermordeten Juden werde damit ausgelöscht. Schließlich fand sich ein Kompromiß, den Wiesel, der „Dichter des Holocaust“ und Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, auf die Formel zuspitzte: „Während nicht alle Opfer Juden waren, waren alle Juden Opfer.“ Die Auseinandersetzung dauerte gleichwohl bis heute fort und hat sich in diesem Frühjahr erneut manifestiert. Zwei Holocaust-Museen wurden fertiggestellt, eines in Los Angeles, das andere in Washington. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein.

„Grotesk“ nennt Leon Wieseltier, Feuilletonchef des New Republic, das Museum in Los Angeles. Er fällt das Urteil in seiner Würdigung des neuen Museums in Washington, das diese Woche mit einem Staatsakt eingeweiht wurde. Viele Kritiker der Museumsschöpfung des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles stört der massive Einsatz von Hochtechnologie, von Computern und Monitoren, die dem Besucher das Erfassen des eigentlich Unfaßbaren erleichtern sollen. Aber die Kritiker stoßen sich genauso an der inhaltlichen Erweiterung. „Haus des Holocaust/Museum der Toleranz“ lautet der volle Name der Erinnerungsstätte in Los Angeles. Hier soll Toleranz aus der Darstellung der Intoleranz gelehrt werden. Der Schwerpunkt liegt auf dem Schicksal der europäischen Juden im „Dritten Reich“. Es wird gezeigt, wie eine hochkultivierte Gesellschaft brutalste Gewalt gegen eine ihrer Minderheiten ausüben konnte. Doch der Rahmen wird weiter gezogen, vom Völkermord in Armenien und in Kambodscha über die Bürgerrechtskämpfe der Schwarzen und den Antisemitismus in den Vereinigten Staaten bis zu den blutigen Unruhen in Los Angeles vor einem Jahr, ja bis zu den Menschenrechtsverletzungen in Bosnien.