Von Brigitte Spitz

Auf der Ha’Penny Bridge knäulen sich die Menschen im samstäglichen Einkaufstrubel. Als ein Mädchen aufgeregt "a fish, a fish" ruft, stürzen die mit Tüten bepackten Männer und Frauen ans Geländer, um in den schlammig-braunen Fluten der Liffey das Wunder zu erspähen. Sonst schwimmt allenfalls altes Schuhwerk vorbei, rosten dort ausgediente Kinderwagen und anderer Schrott. Dublins Fluß, der die irische Hauptstadt in den vornehmen Süden und ärmeren Norden teilt, ist eine Kloake. Die Uferpromenaden sind ungepflegt, verstopfte Straßen, die von grauen, teils zerfallenen Häusern gesäumt werden. Hier flaniert kein Mensch. Nur einige Touristen forschen nach der besonderen Aura, und zwar ebenso angestrengt, wie die Passanten auf der Brücke nach dem Fisch Ausschau halten.

Die Dubliner bewohnen keinen Urlaubsprospekt: Die meisten mögen ihre Stadt nicht sonderlich. Und selbst wenn es so wäre: Sie würden es nie zugeben. "Dirty old town", sagen sie und meinen es auch so. Verblichen die Eleganz, zerstört viele der georgianischen Prachtbauten. Eine Million Einwohner zählt die Stadt und ist doch keine Metropole. Kein klassisches Reiseziel eben. Wer dennoch in der Hauptstadt Station macht und nicht gleich in den Westen der Insel aufbricht, kommt aus ganz unterschiedlichen Motiven.

Die einen – nennen wir sie mal die Oberstudienräte L. aus M. – hätten gerne den "Ulysses" von James Joyce gelesen, machen seinetwegen an der Liffey halt. Auf ihrem Programm stehen Besuche im neuen Writer’s Museum, selbstverständlich auch im Trinity College. Ein Muß ist auch der Martello Tower.

Andere wie Martin E. beispielsweise findet man hingegen an diesen Orten eher selten. Sie halten es eher mit den Dubs, den Dublinern. Es sind Leute, denen schon mal ein "Oh that James fucking Joyce" entfleucht. Auf jeden Fall haben sie Alan Parkers Kultfilm "Die Commitments" goutiert, meist sogar mehrfach. Außerdem besitzen sie mindestens eine Schallplatte von irischen Bands und Musikern wie U2, Thin Lizzy, den Dubliners, den Hothouse Flowers, Bob Geldof oder Sinéad O’Connor.

Kurz gesagt: Die Traditionalisten reisen mit literarischen Klischees im Kopf, die anderen wähnen sich etwas näher an der Realität.

Samstag vormittag in der Grafton Street. Seit dem "Millennium" 1988, der Feier zum vermeintlich tausendjährigen Bestehen der Stadt, hat sich die Straße zur Vorzeigeadresse auf der Südseite der Liffey entwickelt. In den frisch angepinselten Häusern haben Boutiquen und Dependancen von Edeldesignern Einzug gehalten, ganz wie in den schicken Fußgängerzonen anderer europäischer Großstädte, also verwechselbar. Wenn sich auch Martin E. hierher verirrt – die L.s aus M. hatten sowieso einen Shoppingbummel geplant –, dann vor allem deshalb, weil er eine Kinoszene im Kopf hat. Schlußsequenz der "Commitments": Die vielversprechende Soulband ist zerbrochen, die Musiker müssen ihr Geld wieder auf der Straße, der Grafton Street, verdienen. Hier singen sie, junge Leute, fast so wie im Film, pfeifen mit der tinwhistle, blasen auf dem irischen Dudelsack, ernten ein paar Pennies und warten darauf, entdeckt zu werden. Streetlife.