Von Helga Keßler

Rauch quillt aus der Dachöffnung des schwarzen Zeltes. Um das offene Feuer im Zeltinnern sitzen drei junge Frauen, Studentinnen der Agrarwissenschaft an der Universität Witzenhausen. Die drei warten, während das Kaffeewasser auf dem Schwenkgrill allmählich heiß wird, auf Gesprächspartner. Heidi, Christiane und Antje erfüllen einen politischen Auftrag. Seit dem ersten April halten sie mit Gleichgesinnten einen Acker im niedersächsischen Landkreis Northeim besetzt. Der Anlaß für die friedliche "Mahnwache": Auf der Fläche, die dem Klostergut Wetze gehört, sollen schon bald gentechnisch veränderte Raben und Kartoffeln wachsen. Das Bundesgesundheitsamt hat zwei Forschungseinrichtungen, dem Institut für Genbiologische Forschung (IGF) in Berlin und der Planta-Forschungsgesellschaft, die erforderlichen Genehmigungen erteilt.

Der "sofortige Vollzug" der Experimente ist indes nicht möglich. Die Kartoffeln können vorerst nicht aufs Feld, weil in dieser Jahreszeit noch mit Frost zu rechnen ist. Und die Rübenpflänzchen brauchen noch zwei Wochen im Gewächshaus, bis sie die erforderliche Größe erreicht haben. Doch dann sollen die Pflanzen auf den Acker – und der ist besetzt. "Wir werden den Platz nicht räumen", sagen die Besetzer. Sie haben die geplante Versuchsfläche zur "gentechnikfreien Zone" erklärt. "Wir werden nicht räumen lassen", betont Andreas Büchting, Vorstandssprecher der Kleinwanzlebener Saatzucht (KWS), Muttergesellschaft der Planta. Büchting sucht den Dialog mit den Kritikern – schon zweimal war er Gast im schwarzen Zelt – und hofft auf eine "gütliche Lösung". Doch die ist nicht in Sicht. Wie auch sollte die Einigung aussehen, auf die sich fundamentalistische Kritiker und euphorische Befürworter der Gentechnologie verständigen sollten?

Die nun erteilten Genehmigungen sind brisant, weil sie erstmals in der Bundesrepublik das Ausbringen gentechnisch veränderter Nutzpflanzen erlauben. Sie gelten für 1993 und 1994 sowie insgesamt drei Versuche. Rund 7000 transgene Zuckerrüben sollen in Wetze auf den Acker. Sie tragen ein Resistenzgen gegen die mit konventionellen Mitteln nur schwer bekämpfbare Viruskrankheit Rizomania. Weil die "Wurzelbärtigkeit" in Niedersachsen bislang nicht auftritt, sollen weitere 7000 transgene Rüben im niederbayerischen Oberviehausen bei Deggendorf, einem Rizomania-Befallsgebiet, ausgepflanzt werden. Falls die Versuche die gewünschten Ergebnisse zeigen, könnte bis zum Jahr 2000 rizomaniaresistentes Saatgut zur Verfügung stehen, hofft die KWS, die weltweit zu den größten Saatzuchtunternehmen gehört.

Bei den anderen beiden Versuchen geht es um die Züchtung von "nachwachsenden Rohstoffen". Ebenfalls in Wetze sollen jeweils 192 transgene Kartoffeln ihre neuen Eigenschaften unter Beweis stellen. Einmal veränderten IGF-Forscher Kartoffeln gentechnisch so, daß sie nur noch eine Sorte Stärke produzieren. Der dritte Versuch gilt Kartoffeln, die dank eines Gens aus der Bäckerhefe nun größere Knollen hervorbringen sollen. Weil der Gentransfer nur vereinzelt klappt – die Erfolgsquote bei den Zuckerrüben liegt bei 1:100 000 –, wurden den Pflanzen zusätzlich Gene, sogenannte Marker, eingeschleust. Kartoffeln und Rüben tragen Resistenzgene gegen das Antibiotikum Kanamycin. Die Rüben sind zusätzlich gegen das von Hoechst produzierte Totalherbizid namens Basta resistent. "Die Basta-Resistenz ist nicht Untersuchungsgegenstand", betont KWS-Sprecherin Christine Urban. Der Freilandtest diene ausschließlich der Klärung der Frage, ob die Rüben auch unter natürlichen Bedingungen rizomaniaresistent sind.

Rund 3200 Einwendungen sammelte der Göttinger Arbeitskreis gegen Gentechnologie gegen die geplanten Versuche. Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens konnten die Einwender in zwei Anhörungen, in Northeim und in Deggendorf, ihre Bedenken vortragen. "Das war eine Alibiveranstaltung, um dem Gentechnikgesetz zu genügen", schimpfen die Agrarstudentinnen, die auf dem Acker in Wetze campieren. Die Rizomania gilt ihnen als Ergebnis einer "verfehlten Agrarpolitik". Statt über eine grundsätzlich andere Landwirtschaft nachzudenken, würden mit Hilfe der Gentechnik die Symptome kuriert. Der Biologe Hartmut Meyer vom Göttinger Arbeitskreis kritisiert die geplanten Versuche gar als "wissenschaftlich unseriös". Vor allem die ökologische Begleitforschung hält er für völlig unzureichend. "Die Resistenzen könnten von den Pflanzen auf bodenlebende Organismen übertragen werden", fürchtet Meyer. Neuartige, eventuell schlimmere Viruskrankheiten könnten stimuliert, neue Stoffwechselvorgänge aktiviert werden. Außerdem bestehe die Gefahr der Genübertragung durch Pollenflug. Von der Zuckerrübe sei ein Transfer auf sämtliche Rüben und verwandte Pflanzen, wie Rote Beete und Mangold, möglich. Sollte man Jahre später unerwünschte Folgen feststellen, wäre es zu spät. Denn einmal freigesetzt; "sind die Pflanzen nicht mehr rückholbar", behauptet Meyer.

Die KWS bestreitet die Möglichkeit eines Gentransfers auf andere Pflanzen nicht, sie sieht aber keine Gefahr: "Selbst wenn das passiert, wo ist das Problem?" fragt Christine Urban. Die Pflanzen hätten doch damit überhaupt keinen Selektionsvorteil. Bei dem geplanten Versuch werde der Pollenflug ohnehin unterbunden. Die Rüben würden unter Folienhäusern gehalten. "Wenn wir Gefährdungen für möglich hielten, würden wir die Versuche nicht machen", bekräftigt KWS-Sprecher Andreas Büchting. Bestätigt sieht er sich durch die weltweit über tausend Freisetzungsversuche, die sämtlich ohne negative Folgen geblieben seien. Auch das Bundesgesundheitsamt (BGA), das Umweltbundesamt und die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft kamen zu der Erkenntnis, daß "keine schädlichen Einwirkungen auf Leben und Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen sowie die sonstige Umwelt" zu erwarten seien. Es fragt sich jedoch, inwieweit komplexe Ökosysteme mit vielen Unbekannten überhaupt zu kontrollieren sind – schätzungsweise ein Zehntel der Bodenorganismen ist heute erst bekannt.