Als die Welt noch anders und das Telephonieren billiger war, steckte ein großer, erfolgverwöhnter, jungenhafter Mann von Anfang Dreißig in Hamburg zwei Zehnpfennigstücke in die Tasche, schulterte einen Rucksack und ging über die Elbbrücken nach Süden. Am Stadtrand kehrte er noch in einem Tierheim ein und suchte sich einen jungen Hund aus: Er wollte einen Wegbegleiter. Den Hund nannte er Feldmann. Drei Jahre später brachte Feldmann seinem Herrn den Tod.

Herr und Hund wanderten los. Der Mann mit dem Rucksack war glücklich und aufgeregt, nehme ich an (der Hund sowieso), wie man es immer ist, wenn man vor dem freiwilligen Aufbruch in etwas Ungewisses, vielleicht Gefährliches erst einmal viel eigene Angst und Bequemlichkeit überwinden mußte. Der Mann hatte sich vorgenommen, mit nicht mehr als den Münzen für einen Notruf in der Tasche vom Hamburger Norden bis zum Bodensee im Süden zu wandern: "Deutschland umsonst". Er war erst in der Heide, da war ihm schon schlecht vor Hunger und Müdigkeit. Aber er lernte schnell dazu. Er lernte zu betteln, Essensabfälle zu verwerten, in Metzgereien den Begleiter vorzuschieben: "Haben Sie Wurstreste – für meinen Hund?" Er lernte viel über Gastfreundschaft und ihr Gegenteil, vor allem aber lernte er, wie Parzival, etwas über sich selbst.

Vielleicht hat seine Selbstsuche den Michael Holzach schon umgetrieben, als er in den siebziger Jahren seine damals ungewöhnlichen Sozialreportagen zu schreiben begann. Selbstsuche oder das Verlangen nach scharfer Trennung vom gehaßten, wohlsituierten elterlichen Milieu – jedenfalls muß er stark motiviert gewesen sein, denn er wurde Reporter trotz eines Handicaps: "Ich bin übrigens Legastheniker", sagte er mit charmantem Grinsen, als er mir damals im ZETTmagazin zum erstenmal einen Text zum Redigieren hinlegte. Das stimmte. Schlechte Orthographie! Aber gute Geschichten, was dem Redakteur allemal lieber ist, viel lieber als andersrum.

Wir sind später beide aus dem festangestellten Journalismus ausgestiegen. Er wollte selbst seine Themen bestimmen und unbeschränkt Zeit für sie haben; mir war das Schreibtischleben zu einseitig geworden, ich wollte melken, mähen, säen lernen. Aber wir haben uns weiterhin freundschaftlich aneinander gemessen, immer wieder gestritten über die Frage: Wo ist die Grenze für den Schreiber, der die eigene Haut zu Markte trägt?

Michael Holzach ging nach Amerika zu den Hutteren, lebte ein Jahr in der Agrarsekte und schrieb ein Buch darüber. 1980 tippelte er los mit Feldmann, schrieb "Deutschland umsonst", ein damals vielbeachtetes Buch. (Vor kurzem hat es der siebzehnjährige Sohn eines Freundes im väterlichen Buchregal entdeckt: große Faszination.) Dann beschrieb Holzach die Fußreise noch einmal aus anderer Perspektive: "Ich heiße Feldmann und bin ein Hund" wurde ein schönes Kinderbuch, illustriert von seiner Freundin Freda Heyden.

Am 21. April 1983 geht Michael Holzach mit einer Fernsehredakteurin, die "Deutschland umsonst" verfilmen möchte, im Ruhrgebiet, seiner Heimat, am Ufer der Emscher spazieren. Die Frau will den Schauplatz sehen, den er im Buch höchst eindrücklich wie einen Eingang ins Todesreich beschrieben hat. Feldmann, der Hund, rutscht ab ins reißende Wasser. Michael springt nach, ihn zu retten, und ertrinkt. Der Hund klettert weiter unten heil heraus.

Zehn Jahre ist das her. Michael Holzach wäre heute 46 Jahre alt. Dank an einen ZEIT- Leser, der sich und uns an ihn erinnert hat. Rüdiger Dilloo