Von Gisela Dachs

Kiel

Offenbar reden sie nicht viel miteinander, die Genossen in Kiel. Über ihr Schweigen sprechen sie dafür um so mehr. Günther Jansen scheint ein besonders wortkarger Einzelkämpfer zu sein. So konspirativ, wie er in der "Schubladen-Affäre" gehandelt haben will, so publikumswirksam ist die heutige Darstellung seines damaligen Verhaltens.

Er habe eine Aufgabe vor sich, beginnt der "gute Mensch von Süsel" mit fester Stimme, "deren Lösung bei dem herrschenden Mißtrauen" sehr schwierig sein werde. Zwei Tage lang bemüht sich der 56jährige Sozialdemokrat immer wieder, den Impuls zu erklären, der ihn und seine Frau bewogen habe, in einer Schublade 40 000 Mark für den ehemaligen CDU-Medienreferenten Reiner Pfeiffer anzusammeln und durch den Engholm-Vertrauten Klaus Nilius in zwei Raten auf einer Autobahnraststätte diskret überbringen zu lassen. Die Mission soll so geheim gewesen sein, daß selbst der Empfänger nicht habe wissen dürfen, woher das Geld kam. Nach der Barschel-Affäre sollte Pfeiffer das Signal bekommen, wiederholt Jansen immer wieder, "es gibt auch Leute in der Republik, die bereit sind, zu helfen. Wer auspackt, soll nicht abgehalftert werden." Natürlich sei Pfeiffer auch für ihn kein Unschuldsengel gewesen, sagt Jansen. Er habe "abarbeiten" müssen, daß der CDU Medienreferent bei den schmutzigen Tricks gegen Engholm nicht nur Handlanger war. Aber ohne Pfeiffer hätte die SPD die Landtagswahlen im Mai 1988 nicht so hoch gewonnen.

Auch jetzt geht es im stickigen Schleswig-Holstein-Saal des Kieler Landeshauses, in dem vor fünf Jahren schon der Barschel-Ausschuß tagte, um Wahlen. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Sozialdemokraten, die nach dem Tiefschlag mit hoher moralischer Meßlatte angetreten waren, und um die unsichtbar im Raum schwebende Frage, ob Björn Engholm Kanzlerkandidat bleiben kann. Einzig diese Tatsache, daß er nämlich durch die Zahlungen seine Parteifreunde in den Verdacht gebracht hat, sie hätten mehr mit Pfeiffer zu tun, als sie bisher zugeben, plagt Günther Jansen. Sonst bereut er nichts. Sein Auftritt als gerader Sozialdemokrat mit "sozialem Tick" entbehrt nicht einer gewissen Tragik: Er, der jemandem beistehen wollte, der "außen vor" war, wurde nun selbst als Sozialminister "rausgeworfen", wie es ihm einmal in der Erregung herausrutscht. Das passiert ausgerechnet Günther Jansen, dem Wörter wie "Parteilinie", "Chefsache", "Flankendeckung für Engholm" leicht über die Lippen kommen. Jansen ist seit 1959 SPD-Mitglied; 1975 löste er Jochen Steffen an der Spitze der Landespartei ab. 1988 wurde er Minister. Ein Profi, dessen politischer Instinkt gleichwohl bei den Geldzahlungen völlig versagt hat?

Neben Jansen sitzt der Hamburger Anwalt Rolf Dieter Reinhard. Mit ihm berät er sich ab und zu. Es gibt selten Momente, in denen spürbar wird, wie sehr der Druck auf ihm lastet. Als Jansen wieder einmal voller Mitleid den arbeitslosen Pfeiffer erwähnt, dem er unter die Arme greifen wollte, und ein Zuschauer "Arbeiterwohlfahrt" dazwischenruft, reagiert er in einem ungewöhnlich heftigen Tonfall: "Das vertragen meine Emotionen nicht." Der Vorsitzende Heinz-Werner Arens (SPD) übergeht den Zwischenfall, macht souverän weiter.

Längst nicht alle der siebzehn Ausschußmitglieder wirken so. Die fast vollständig erneuerte, unbelastete CDU (nur ein CDU-Abgeordneter und der Vertreter der dänischen Minderheit saßen schon im Barschel-Untersuchungsausschuß von 1987) gibt sich unsicher. Aus seiner Nervosität macht ein junger CDU-Abgeordneter kein Hehl: Schließlich würden die "Frager ja genauso von der Öffentlichkeit bewertet wie die Befragten", sagt er in der Pause. Die alten Hasen sitzen in der zweiten Reihe oder im Publikum. Die Reihe der SPD-Berater bleibt allerdings weitgehend leer.