Silvia Fömina entstammt einer in der ehemaligen Sowjetunion verarmten, Anfang dieses Jahrhunderts nach Argentinien emigrierten Bauernfamilie, die – wie so viele andere – sich zwar ein notdürftiges Dach über dem Kopf hatte errichten können, aber nicht in der Lage sah, ihre vielen Kinder auch selber zu ernähren. Näherinnen und Lehrerinnen vermittelten damals die überzähligen hungrigen Münder zur Adoption an das wohlhabende Bürgertum nach Buenos Aires.

Obwohl "die Menschen sehr nett zu mir waren", fand Silvia Fömina "alles in der Familie zu fremd" – und im Alter von elf Jahren läuft sie aus dem Haus, arbeitet als Kind in einer Fabrik, verdient sich ihr Leben: ein Zimmer, ein Klavier, Unterricht. Sie spielt auch Klarinette und Cello (noch heute steht ein schönes Instrument in einer Zimmerecke ihrer mit Noten, Büchern und elektroakustischen Geräten vollgestopften winzigen Wohnung, studiert Kunstgeschichte und liest, liest, liest. Sie lernt Witold Gombrowicz kennen, der knüpft die Verbindung zu einem Philosophieprofessor, der wiederum wird "fast mein Vater" und bringt sie in einen Kreis von jungen Intellektuellen, Schriftstellern und Musikern: Mit zwei anderen Komponisten bewohnt sie nun ein Fiat. "Wir drei waren in keiner Partei oder anderen politischen Organisation oder Gruppe" – aber dennoch kommen sie in die Mühlen der Militärdiktatur: Eine andere Familie aus dem Haus denunziert sie – die Frau studiert, kommt spät nach Hause, hat Bücher; und die Männer tragen einen Bart.

Eines Tages betritt Silvia Fömina ihre Wohnung eine Stunde später als gewöhnlich – und diese Stunde rettet ihr Leben: Die Regale sind von den Wänden gerissen, die meisten Bücher fehlen, das Klavier ist umgestoßen und innen zerstört. Die beiden Kollegen aber sind "abgeholt" worden: nie wieder ein Lebenszeichen. "Es existiert eine Liste derer, die nicht wiedergekommen sind: dreißigtausend." Aber die Liste ist bei weitem nicht vollständig: "Alle haben es nicht gewußt – nicht einmal, wenn es einen Nachbarn getroffen hat."

Damals war ihr erster Gedanke: "Jetzt werde ich hier sterben, zwischen den Trümmern darauf warten, daß sie auch mich abholen." Aber dann eine Art Schutzreflex: Mit ein paar Habseligkeiten rennt sie fort, flüchtet in ein abgelegenes Andendorf, verbringt dort vier Jahre, wechselt immer wieder die Unterkunft – "Jeden Tag habe ich darauf gewartet, daß sie mich auch abholen" – und komponiert "um mein Leben". Eines Tages riskiert sie, ihren "Vater" anzurufen – der besorgt ihr einen falschen Paß, mit dem sie nach Europa, nach Berlin emigriert. Wieso gerade dorthin? "Ich wußte nicht, wohin. Aber es gibt bei uns ein Sprichwort: Wenn du dich schlecht benimmst, schicken wir dich nach Berlin."

Irgendwann irgendwie hört sie den Namen und die Musik von György Ligeti, nimmt allen Mut zusammen, packt ihre Manuskripte und fährt nach Hamburg, zeigt vor, was sie bislang schrieb – und findet ein Echo, genießt Anerkennung, gewinnt einen Förderer: "Mein Maestro" heißt der fortan bei ihr in respektvoll distanzierender Nicht-Namentlichkeit. Aus seinen "Atmospheres" hatte sie erste sichernde Anregungen zu ihrer Klangfarben-Arbeit gefunden; jetzt bestärkt er sie in ihrer Erforschung der mikrotonalen Welt des Instrumentalklangs und versorgt sie mit Tonbandaufnahmen afrikanischer Musik, aus denen sie die Anregungen für ihre rhythmischen Strukturen gewinnt. Als sie in Berlin nicht mehr bleiben kann, zieht sie für eine Weile in eine Hütte im letzten Winkel des Harzes, unmittelbar an der damals noch existierenden DDR-Grenze, arbeitet dort am Tripel-Streichquartett. Der Meister rät ihr, am internationalen Kompositionswettbewerb teilzunehmen, den Claudio Abbado in Wien ausrichtet – sie gewinnt den ersten Preis. Abbado erzählt davon Ulrich Eckhardt, dem Intendanten der Berliner Festspiele, der sich zu Recht wundert, zwei Jahre lang von der Wahl-Berlinerin nie gehört zu haben – und der mit zwei Aufträgen verhindern kann, daß die inzwischen nach Berlin zurückgekehrte, aber in totaler Selbstisolation lebende Silvia Fömina "abgeschoben" wird. Jetzt also bei der diesjährigen Berliner Musik-Biennale zwei Werke, die beiden ersten Teile aus ihrem "Zyklus der Sieben Vespern": "Expulsion. Désagrégation. Dispersion" für Cello und Tonband und das schon erwähnte "Im Halbdunkel". Als dritte Vesper ist ein Stück für Kontrabaß und Tonband in Arbeit.

*

Als intellektuelles Ziel ihrer Arbeiten definiert. Silvia Fömina die "Erforschung und Entwicklung der Schwingungsformen von Instrumententönen durch Kombination verschiedener äquidistanter Tonsysteme". Im ersten Teil des Vespern-Zyklus arbeitet sie daher mit Sechstel- und Dritteltönen, teilt also die Oktave in sechsunddreißig gleiche ("temperierte") Abschnitte (zu 66,6 Cents), die mit den Flageoletts der (nicht temperierten) Obertonreihe in Widerspruch geraten. Wie "eng" die Abstände werden können, zeigt Silvia Fömina an Hand einer Graphik, in der sie eine beliebige Strecke in elf verschiedenen Quotienten (zwischen 1/5 und 1/36) geteilt hat: Irgendwann werden die Unterschiede kaum mehr meßbar.