Von Stefan Berkholz

Fünf lange Jahre hat der Historiker Michael Hepp an seiner Tucholsky-Studie gearbeitet. Ausgestattet mit Stipendium und größten, allerhöchsten Vollmachten, durfte er, nie zuvor war das möglich, den gesamten Nachlaß sichten, konnte also auch bisher Zurückgehaltenes bewerten, trug verstreutes, bisher unbekanntes Material aus entlegenen Archiven zusammen, ordnete, verglich, korrigierte – herausgekommen ist eine beeindruckende Faktensammlung, mit 150 Seiten voller Anmerkungen sicher auch wissenschaftlichen Kriterien genügend. Fragen aber blieben bis zum Schluß. Daher der Titel: "Biographische Annäherungen".

Spät kommt Hepp zur Sache, zum eigentlichen Thema: "Tucholsky war kein Barrikadenkämpfer oder Parteisozialist", stellt er auf Seite 308 fest, "er war ein Einzelkämpfer für seine Ideen von Menschlichkeit und Humanismus, die sich zeitweilig mit einigen Zielen der Arbeiterbewegung deckten. Der Haß auf die Schinder trieb ihn vorwärts, nicht der Marschtritt der Proletariermassen, und nur sein enormes handwerkliches Können verhinderte letztendlich, daß er völlig abstürzte und noch während der größten Depressionen so mitreißende Arbeiten schreiben konnte, obwohl er längst resigniert hatte."

Darin steckt nun allerlei... Vorwürfe, Unterstellungen und die Hauptsache: "Tucholskys Artikel sind nicht immer der wirkliche Ausdruck seiner Einstellung oder Gesinnung"; Tucholsky entziehe sich "jeder Einordnung in ein geschlossenes Weltbild", er sei "eben kein ganz einheitlicher Mensch oder Sozialist ... wie bislang oft behauptet".

Konjunkturritter also, unsicherer Patron, dazu neurotisch, egozentrisch, geldgierig – kurz: unwahrhaftig und nicht ganz zurechnungsfähig. Das hörten wir doch schon? Richtig. Das hörten wir vor drei Jahren bereits, als Marbach die große Ausstellung zum 100. Geburtstag Tucholskys eingerichtet hatte. Es sind dieselben Schlagworte.

Und Michael Hepp ist tatsächlich der Ideengeber. Der Marbacher Archivar, Jochen Meyer, übernahm damals nur allzu leichtfertig die Saat: die faulen Eier in den dickleibigen Katalog, die eigenen Vorurteile in die Ausstellung. So entstand eine unübersichtliche, verzeichnende Darstellung. Hepp geht detailreicher ans Werk.

Kein Barrikadenkämpfer also, hören wir, und kein Parteisozialist. Wer hat eigentlich bisher behauptet, Tucholsky sei Barrikadenkämpfer gewesen? Nicht einmal er selbst. "Ich habe einen dicken Bauch und bin kein Märtyrer", schrieb er im April 1933. Und wer hat gesagt, daß er Parteisozialist gewesen sei? Nicht einmal die Publikationen der, hab sie selig, dahingegangenen DDR. Trotz seiner USDP-Mitgliedschaft Anfang der zwanziger Jahre – Tucholsky blieb ein unsicherer Kantonist, der, leider leider, nicht "einzubinden" war in doktrinäre Gemeinschaften. Hepp zerschlägt also zunächst ein imaginäres Bild; ein Trugbild, das seiner eigenen Vergangenheit entstammen mag, mit Tucholsky aber nichts zu tun hat. Hepps Argumentation gerät dort ins Schlingern, wo er die eigentliche Schwäche der Publizistik Tucholskys herausstreichen möchte, im Spätwerk nämlich. Mit der 1929 (in Zusammenarbeit mit John Heartfield) entstandenen Montage "Deutschland, Deutschland über alles" geht Hepp besonders scharf ins Gericht. Einen "Rundumschlag" nennt er das Buch, "stilistisch nicht immer gelungen", mitunter "holprig, unecht", "eine Art ‚Tagebuch einer Abneigung‘", das "Freunde und Feinde in mehrere Lager" spaltete und "zu den heftigsten Reaktionen" führte, "ein letztes großes Aufbäumen", das "im eigentlichen Sinne kontraproduktiv wirkte, da es selbst im linken Lager mehr spaltete als zur einheitlichen Aktion reizte".