Von Christoph Bertram

David Owen, der imperiale Bosnien-Unterhändler der Uno, gab sich diesmal ganz versöhnlich. Kaum hatte Präsident Clinton sich schweren Herzens dazu durchgerungen, dem Vormarsch der bosnischen Serben notfalls auch militärisch Einhalt zu gebieten, hatten sie vorläufig eingelenkt. Das Säbelrasseln, so schien es, hatte seine Wirkung nicht verfehlt: Der Vance-Owen-Plan zur Befriedung Bosnien-Herzegowinas trägt nun die Unterschrift der Chefs aller drei Volksgruppen im Lande. Owen wirkte erstmals erleichtert, als er vor der Presse in Athen am vergangenen Sonntag den Durchbruch ankündigte: "Jetzt ist die Zeit gekommen, über Frieden, nicht über Krieg zu reden."

Dabei hatte Lord Owen selbst wenige Tage zuvor noch von Krieg gesprochen. Schon vor seiner Berufung zum Bosnien-Unterhändler hatte der einstige britische Außenminister militärische Interventionen in Bosnien befürwortet, danach öffentlich damit gedroht und in kleinem Kreise geklagt, westliche Verteidigungsminister und Nato-Generäle konterkarierten mit ihren ständigen Bedenken gegen gewaltsame Einmischung auf dem Balkan seine Bemühungen. Wenige Tage vor dem Athener Durchbruch hatte er in richtiger Vorahnung dafür gesorgt, daß die Militärführung der bosnischen Serben wenigstens über die Wirkung amerikanischer Waffeneinsätze im Golfkrieg informiert wurde.

Aber erst als Präsident Clinton sich am Wochenende, gegen den Rat seiner Militärexperten, zum bedingten und begrenzten Waffeneinsatz auf dem Balkan durchrang, erhielten diese Drohungen politische Glaubwürdigkeit. Und schon feiert mancher die Entscheidung von Washington und das Ergebnis von Athen als Beginn einer neuen westlichen Strategie, wie der Gefahr von Kriegen in der Welt wirksamer begegnet werden könnte – brutalen "ethnischen Säuberern" zum Trotz, aber auch dickschädeligen Militärs, die sich den neuen Realitäten nur schwer anpassen wollten.

Beides – der Sieg über die Serben wie der über die westlichen Militärs – ist allerdings verfrüht. Im ersteren Fall, weil eine Unterschrift auf dem Balkan noch lange keinen Frieden schafft, im letzteren, weil die Generäle nicht die Wirkung der Drohung, aber die Weisheit ihrer Verwirklichung bezweifeln. Da steht die Probe aufs Exempel noch aus. Auch wer von manchen ihrer Argumente nicht überzeugt ist, muß einräumen, daß sie nicht mit leichter Hand vom Tisch zu fegen sind.

Wenige Tage vor Clintons Entscheidung hatten die westlichen Generalstabschefs im Brüsseler Nato-Militärausschuß noch einmal ihre Bedenken vorgetragen. Es war der vielleicht letzte, fast flehende Appell der militärischen Führer an die Politiker, sich nicht auf das Abenteuer einer Balkan-Intervention einzulassen.

Der Vorsitzende des illustren Kreises, der britische Feldmarschall Sir Richard Vincent, nahm kein Blatt vor den Mund. Nein, dies sei keine Revolte der Militärs. Aber "ich bestehe darauf, daß wir nichts unternehmen, bevor uns nicht klar und deutlich gesagt wird, was von uns verlangt wird... Das oberste Prinzip jedes Krieges ist dies: Um Gottes Willen seid euch darüber im klaren, was ihr erreichen wollt, bevor ihr etwas unternehmt!" Militärische Macht sei ein Mittel zum Zweck, nicht aber Selbstzweck. Deswegen müßten die Politiker das Ziel, den Zweck vorgeben. Erst dann könnten die Soldaten handeln.

Mit von der Brüsseler Partie war Präsident Clintons wichtigster militärischer Berater, Generalstabschef Colin Powell; die Vermutung liegt nahe, seine Generalskameraden hätten ihm für die Auseinandersetzung in Washington noch einmal Flankenschutz geben wollen. Denn Powell, der Held des Golfkrieges und seit Ronald Reagans zweiter Amtszeit die einflußreichste Stimme in der amerikanischen Militärpolitik, hat aus seiner Abneigung gegen begrenzte Militäraktionen in unsicherem Gelände nie einen Hehl gemacht.

Als im vergangenen Herbst schon einmal die Empörung über balkanische Greuel den Ruf im Westen nach militärischem Eingreifen anschwellen ließ, nahm Powell sich einen Reporter der New York Times vor und machte seinem Ärger Luft. Begrenzte Einsätze? "Sobald mir jemand sagt, es sei nur begrenzt, heißt das für mich: Ihm ist das Ergebnis egal. Und wenn jemand gar von ‚chirurgischen Schlägen’ redet, dann gehe ich nur in Deckung." Die zivilen Strategen, die so lauthals nach militärischen Maßnahmen riefen, seien "dieselben, die uns auch früher in Situationen brachten, die uns dann teuer zu stehen kamen" – im Libanon zum Beispiel und natürlich in Vietnam. Dort hatte Powell seinerzeit ein Bataillon geführt und erleben müssen, wie gerade die Liberalen um Kennedy und Johnson, die für die Entsendung amerikanischer Truppen plädiert hatten, zu den ersten und heftigsten Kritikern der Militärs wurden, als das Abenteuer fehlschlug. Und auf Jugoslawien gemünzt, erklärte der Generalstabschef: "Ich habe keine Ahnung, wie begrenzte Bombenangriffe die Serben daran hindern sollten, ihre Eroberungen fortzusetzen."

Aber gerade die Heftigkeit der militärischen Gegenoffensive, das Heischen nach "einem klaren Auftrag", unterstreicht, wie unwohl westliche Generäle sich inzwischen in ihrer Haut fühlen. Sie wollen wissen, woran sie sind – auch wenn das Ende des Kalten Krieges die frühere Gewißheit ein für allemal beseitigt hat. Sie wollen auf verläßlicher Grundlage planen – auch wenn es diese bei den Unwägbarkeiten heutiger und künftiger Konflikte nicht mehr gibt. Und sie fordern von der Politik, was sie nicht leisten kann: die Lücke zwischen dem Wunsch nach Klarheit und der bestehenden Ungewißheit zu füllen.

Im privaten Gespräch verbergen westliche Generäle ihr Unbehagen nicht. "Wir wollen doch nicht deshalb eine Intervention in Jugoslawien vermeiden, weil wir feige wären, sondern weil wir befürchten müssen, daß am Ende die Sache mit einem Fehlschlag endet!" sagt ein alliierter Vier-Sterne-General. Ein anderer bekennt: "Ich fühle mich durchaus schuldig, daß ich unserer Regierung von einem militärischen Vorgehen auf dem Balkan abgeraten habe." Mancher gibt auch zu, früher, als der Konflikt noch nicht voll entbrannt war, hätten begrenzte Demonstrationen militärischer Stärke – etwa vor dem unter serbischem Artilleriefeuer liegenden Dubrovnik – den Flächenbrand vielleicht verhindern können. Immer wieder wird der Wunsch deutlich, der Konflikt auf dem Balkan dürfe nicht zum Maßstab für die Effizienz der Nato, für die Notwendigkeit westlicher militärischer Anstrengungen gemacht werden. Jugoslawien sei doch "nicht der Lackmustest für das westliche Bündnis".

Aber der Balkan ist nun einmal dazu geworden. Auch westliche Militärs, wie etwa der Nato-Oberbefehlshaber General Shalikashvili, betonen immer wieder, die Nato sei heute und morgen so unentbehrlich wie gestern, um "Dämonen, die uns bedrohen, zu begegnen, sei es Instabilität oder mangelnde Sicherheit, seien es Ereignisse, die wir jeden Tag auf unseren Fernsehschirmen verfolgen, in Nagorni-Karabach oder Bosnien-Herzegowina". Die Generäle spüren, daß das westliche Bündnis bisher diesem Anspruch nicht gerecht geworden ist, und sie leiden darunter.

Zwar haben Nato-Stäbe immer wieder geprüft, welchen Umfang ein massiver Militäreinsatz haben müßte, der in Bosnien die Waffen gewaltsam zum Schweigen bringen könnte. Aber sie wissen, wie vage derartige Überlegungen sind: Serbien ist nicht der Irak, eine "Operation Balkan-Sturm" wird es nicht geben.

Das militärische Mißtrauen gegen begrenzte Kampfeinsätze – wie die jetzt ins Auge gefaßten Luftangriffe auf schwere Geschütze und Verteidigungslinien der bosnischen Serben – rührt von der Sorge über deren Weiterungen her. Die Fragen sind ja berechtigt: Was passiert, wenn ein westliches Flugzeug abgeschossen werden sollte? Was, wenn die serbische Artillerie nicht mehr auf freiem Feld, sondern mitten aus bewohnten Ortschaften heraus operiert, unter einem Schutzschild der Zivilisten also? Was, wenn die Armee Rumpf-Jugoslawiens eingreift, um erst recht vollendete Tatsachen zu schaffen? Was, wenn die Serben die westlichen Uno-Blauhelme, die zur Zeit noch die Hilfskonvois begleiten, als Geiseln nehmen?

Colin Powell hat dieses "Was, wenn" in Washington seit Beginn des Konflikts stets unerbittlich vorgetragen, um den Politikern die möglichen Folgen ihres Tuns vor Augen zu führen und zu erkunden, wie weit sie zu gehen bereit sind. Als er zu Beginn des schwelenden Golfkonflikts diese Frage Präsident Bush vorlegte, entschied der sich für eine massive Verstärkung des amerikanischen Expeditionskorps in Saudi-Arabien; da wußte Powell, erinnert sich ein enger Mitarbeiter, daß Bush es ernst meinte.

Bushs Nachfolger dagegen hat sich nun zu einer Intervention entschlossen, obwohl er auf viele der "Was, wenn"-Fragen keine schlüssigen Antworten parat hat. Dennoch verschafft ihm der – vorläufige – Erfolg, die bosnisch-serbische Unterschrift unter dem Vance-Owen-Plan, Bestätigung und Erleichterung zugleich. Nur wäre damit das militärische Engagement des Westens auf dem Balkan nicht beendet, es finge erst richtig an:

Denn was David Owen und Cyrus Vance ausgehandelt haben, ist keine Schmalspurlösung, sondern ein höchst ehrgeiziges Vorhaben. Bosnien-Herzegowina soll in zehn Provinzen nach ethnischer Zugehörigkeit aufgeteilt und dennoch zusammengehalten werden. Die bosnischen Serben müssen rund dreißig Prozent des Landes wieder räumen. UN-Korridore sollen ethnisch gleiche Distrikte miteinander verbinden, aber nicht etwa den Serben einen von ihnen kontrollierten Zugang zu den serbischen Enklaven in Kroatien gewähren. Alles schwere Gerät soll unter UN-Kuratel gestellt, der Waffenstillstand, dann der Rückzug der Truppen der Kriegsparteien aus unbefugten Gebieten von den Blauhelmen überwacht werden. Auf längere Sicht, so Owen, wolle der Plan erreichen, "daß die Menschen von Bosnien wieder zusammenleben, wieder untereinander heiraten, wieder im gleichen Haus wohnen können, so wie es war, bevor die Greuel begannen".

Und merkwürdig, die Generäle, die sich so lange gegen jede begrenzte militärische Intervention sträubten, sehen in diesem weitgesteckten, der Wirklichkeit weit vorauseilenden Plan offenbar den klaren politischen Auftrag, den sie sonst immer einfordern. Fast enthusiastisch haben die Nato-Planer die Aufgabe übernommen, die militärischen Erfordernisse des Plans auszurechnen, so als wolle das westliche Bündnis beweisen,, was noch in ihm steckt. Seit Mitte April liegt das Ergebnis der Nato-Führung vor: 79 000 Mann sollen nach Bosnien entsandt werden, verteilt auf verschiedene Bezirke. Sie müßten nicht jeden Meter Grenze bewachen, sondern die wahrscheinlichen Krisenpunkte besetzen – Sarajevo und Tuzla, Mostar und Bihać; von dort könne sich, so die Hoffnung, neue Stabilität ausbreiten. Allerdings ist offizielle Planungsvorgabe ein benign environment – eine friedliche Lage. Wenn sich dies, wie wahrscheinlich, zumindest teilweise als Illusion erweisen sollte, dann müssen mehr Truppen her. Natürlich müssen auch Eingreifkräfte in Reserve gehalten werden, um bedrängte Einheiten notfalls herausholen zu können.

Wer aber soll die Truppen stellen? 20 000 Amerikaner, vielleicht 10 000 Briten, 8000 Franzosen – so ungefähr lauten zur Zeit die Schätzungen. Und der Rest? Die Russen haben schon abgewinkt, ein nennenswerter Beitrag sei von ihnen, selbst wenn der Westen zahlte, nicht zu erwarten. Mit einmaliger Abordnung wäre es zudem nicht getan. Alle sechs Monate müßten die Streitkräfte ausgewechselt, ihre Präsenz zudem für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vorgesehen werden. Schon fragen sich hohe Nato-Militärs besorgt, ob es überhaupt gelingen wird, den quantitativen Anforderungen des eigenen Plans zu entsprechen, von seinem Gesamterfolg ganz zu schweigen.

Die Prüfung für westliche Politiker und Militärs durch den Balkankonflikt ist deshalb, selbst wenn der Vance-Owen-Plan Bestand haben sollte, noch lange nicht vorüber. Vielleicht – wahrscheinlich ist es nicht – steht am Ende sogar die Verwirklichung von Lord Owens schönem Traum. Aber vorher wird viel Lehrgeld entrichtet werden müssen. Seitens der Politiker, die zu lernen haben, daß Konflikte, denen man nicht rechtzeitig Einhalt gebietet, später häufig nur mit immer größeren Anstrengungen und Risiken bewältigt werden können. Und seitens der Militärs, die erkennen müssen, daß nicht der Sieg über einen Feind ihre künftige Aufgabe ist, sondern die Unterstützung oft unvollkommener politischer Lösungsversuche; nicht Krieger, sondern Polizisten sind gefragt.

Der neue Fachausdruck für solche Aufgaben immerhin existiert bereits in den Denkstuben des Pentagon: Er heißt compellence – Durchsetzung. Bill Clinton hat bereits angekündigt, daß er nur wegen des jüngsten Einlenkens der bosnischen Serben nicht darauf verzichten will, notfalls Gewalt einzusetzen.