Von Agnes Heller

Adorno verkündete einst das Dogma, daß nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden dürften. Später gab er zu, daß sein Verdikt voreilig war. Der Gefolterte hat das Recht zu schreien, und die Millionen Märtyrer haben das Recht, sich in Gedichten zu äußern. Adornos Sinneswandel wirft jedoch eine weitere Frage auf: Kann man ein Gedicht über Auschwitz schreiben? Folgen wir also Adornos Geist, wenn auch nicht seiner Stimme.

Über Auschwitz läßt sich nicht aus der Sicht des Zuschauers schreiben. Der Holocaust war kein tragisches Schauspiel, er war kein metaphysisches Ereignis, und er war auch kein historischer Vorgang. Auschwitz ist weder mit der Tragödie noch mit metaphysischer Philosophie noch mit epischer Erzählung beizukommen. Eine Tragödie wird von Individuen dargestellt, die sich ihr Los selber gewählt haben; sie erhalten die Möglichkeit, ihrem Leben durch den Vorgang des Sterbens einen Sinn zu geben. Die Opfer des Holocausts jedoch wurden als Exemplare ihrer Spezies behandelt, nicht als Individuen. Wenn in der metaphysischen Philosophie Schein und Sein verbunden werden, muß diese Verbindung vernünftig sein. Keine philosophische Richtung aber wäre in der Lage, den „Schein“ des Holocausts vernünftig zu finden, wenn man ihn mit irgendeiner Form von „Sein“ verbindet. Und die epische Erzählung ist ein historisches Genre, in dem die Uhr der „Weltgeschichte“ und die des Helden auf oft rätselhafte Weise aufeinander abgestimmt sind. Doch die Opfer des Holocausts wurden aus der Geschichte herausgenommen; die Weltzeituhr stand still, während ihre Zeit ablief. Wenn sich überhaupt über den Holocaust schreiben läßt, dann in Gedichtform.

Adorno gestand den Opfern das Recht zu, sich zu äußern. Doch Anrecht darauf haben nur die Opfer, nicht die Überlebenden. Ganz gleich welchem Inferno die Überlebenden entronnen sind, sie sind noch einmal davongekommen, sie sind hier, und darin besteht der entscheidende Unterschied zwischen ihnen und jenen, die einmal das Recht hatten, sich zu äußern, dieses Recht aber nicht in Anspruch nahmen. Die Welt der Überlebenden mag aus Alpträumen und Erinnerungen bestehen, sie sind dennoch Zuschauer – aus einem ganz einfachen Grund: Sie leben noch, sie sind hier. Die Möglichkeit des Überlebenden, sich zu äußern, ist kein Ersatz für die Ausdrucksmöglichkeiten jener, die stumm gestorben sind. In den Gaskammern wurden keine Gedichte geschrieben.

Offenbar kann nichts über den Holocaust geschrieben werden, nichts außer Schweigen. Doch läßt sich Schweigen schreiben?

Vier Formen des Schweigens umgeben den Holocaust: das Schweigen der Sinnlosigkeit; das Schweigen des Schreckens; das Schweigen der Scham; und das Schweigen der Schuld.

An erster Stelle steht das Schweigen der Schuld. Die Opfer des Holocausts starben in aller Stille, weil die Welt sich des Verstummens schuldig machte. Nichtwissen ist schlimmer, als nicht hinzuhören. Wenn wir hören und doch nicht helfen, sind die Schreie der Opfer immer noch zu hören. Wenn aber das Wissen ausgeschlossen wird, ersticken die Schreie. Die Welt nahm nicht wahr, daß in vollkommener Abgeschiedenheit sechs Millionen Morde begangen wurden, obwohl die Ermordung des Feindes seit unvordenklichen Zeiten ein öffentliches Ereignis war. Als der Zweite Tempel zerstört wurde, errichtete Titus zur Erinnerung an dieses Ereignis einen Triumphbogen, und die Welt wußte, Hierosolima est perdita. Damals war den Juden erlaubt, um jene zu klagen, die zugrunde gegangen waren, es wurde sogar von ihnen erwartet. Doch als Millionen unserer Brüder und Schwestern ermordet wurden, konnten wir nicht klagen und nicht weinen, weil wir nichts davon wußten, weil wir nichts unternahmen, um es zu wissen.