Von Erika Martens

Werner Fahrack, Betriebsratsvorsitzender bei der Starkstromanlagen-Tochter der AEG in Dresden, ist nach dem gelungenen Streikauftakt zufrieden und erleichtert. Aber der studierte Elektrotechniker weiß auch: "Wir sind für lange Konflikte nicht geschaffen. Wir hoffen sehr, daß wir nächste Woche wieder arbeiten dürfen." Der 59jährige spricht für viele der rund dreißigtausend ostdeutschen Metall- und Stahlarbeiter, die in dieser Woche zum ersten Arbeitskampf seit mehr als sechzig Jahren angetreten sind.

Auch der sächsische IG-Metall-Bezirksleiter Hasso Düvel kennt diese Stimmung. Und so war es denn nicht nur sein Sinn für das Machbare, der ihn schon Ende vergangener Woche bewog, dem Verband der sächsischen Metall- und Elektroindustrie neue Gespräche anzubieten.

Nachdem er zusammen mit IG-Metall-Chef Franz Steinkühler am frühen Montagmorgen zum Streikbeginn den Kollegen in den Betrieben in Dresden und Bautzen Mut zugesprochen hat, widmet er sich am Nachmittag wieder seinem eigentlichen Geschäft: das Ende des Ausstands zu erreichen. Im zweiten Stock des Gewerkschaftshauses in der Dresdner Ritzenbergstraße tagt die Streikleitung. Ihr Hauptthema ist nicht der Verlauf des Arbeitskampfes, sondern die Vorbereitung eines Termins bei Ministerpräsident Kurt Biedenkopf. Ihn wollen die Verhandlungsführer beider Seiten am Abend um Moderation ihrer neuen Gespräche bitten.

Wie ernst die Gewerkschafter diese Runde in dem seit Monaten andauernden Streit um den Stufentarifvertrag von 1991 nehmen, zeigt die Anwesenheit von Klaus Lang aus der Frankfurter Zentrale. Nicht der Ausstand, gibt er zu, habe ihn nach Dresden getrieben, "der läuft auch ohne mich". Als Leiter der Tarifabteilung beim Vorstand aber wird er stets dann gebraucht, wenn bei Verhandlungen fachlicher Rat nötig werden könnte.

Während in der Dresdner Bezirksleitung der IG Metall hektische Betriebsamkeit herrscht – auch die Staatskanzlei erkundigt sich nach dem Stand der Dinge –, ist im Verbandshaus der Arbeitgeber alles ruhig: "Die Herren sind alle in einer Klausurtagung." Mehr darf die Dame am Empfang nicht verraten. Mit in Klausur steckt Dieter Kirchner, Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall in Köln, der Mann, der in diesem Konflikt von Anfang an die Fäden in der Hand hielt. Auch die Unternehmer messen der Wiederaufnahme der Gespräche also große Bedeutung bei.

Vorausgegangen waren am Wochenende Sondierungsgespräche zwischen den Spitzenvertretern im Dresdner Bezirk. Auch Biedenkopf schaltete sich wieder ein und empfing die Kontrahenten – diesmal getrennt. Geklärt werden mußten zunächst vor allem zwei Fragen: Wie geht man mit der außerordentlichen Kündigung des Vertrages durch die Arbeitgeber um, und wie kann den ostdeutschen Beschäftigten eine langfristige Perspektive gegeben werden, ohne daß die wirtschaftliche Entwicklung noch mehr aus dem Ruder läuft.