Eine „Oase in der Wüste der nationalsozialistischen Barbarei“ im Berlin nach 1933, „ein himmlisches Ghetto“ – so und ähnlich überschwenglich wird die Private Waldschule Kaliski von nahezu allen charakterisiert, die je mit ihr in Berührung gekommen sind. In engem Kontakt mit der Schulgründerin, Lotte Kaliski, die im August 1938 in die Vereinigten Staaten emigrierte und heute in New York lebt, sowie mit zahlreichen ehemaligen Schülern und Lehrern haben die Autoren die wechselvolle Geschichte dieser besonderen Institution eindrucksvoll nachgezeichnet.

Die Jüdin Lotte Kaliski, unabhängig, selbständig, willensstark und voller Energie, gründete 1932 als junge Lehrerin in Berlin diese private Reformschule. Zusammen mit Heinrich Selver, der ihr mit zähem Verhandlungsgeschick zur Seite stand, meisterte sie schier unüberwindliche Schwierigkeiten und Schikanen der Behörden, die ihr von Anfang an Steine in den Weg legten. Mutig stellten sich die beiden immer wieder diesem Kampf, und es gelang ihnen sogar, die fast ständig drohende Schulschließung vor ihren Schützlingen zu verbergen. Die „PriWaKi“, wie die Schüler ihre Schule liebevoll nannten, die ehemals allen offenstand, war schnell zu einer „jüdischen“ Einrichtung geworden. Nur noch jüdische Kinder durften sie besuchen, und nur Juden durften unterrichten. Allen Widrigkeiten zum Trotz herrschte auf dieser „Insel“ eine nahezu unbeschwerte, angstfreie Atmosphäre. Jüdische Kultur und Tradition sowie eine humanistisch-liberale Weltanschauung wurden hier vermittelt. Überdies suchten die Lehrer nach Wegen heraus aus Hitler-Deutschland und bereiteten die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen konsequent auf die Emigration und ehe ungewisse Zukunft vor. Im März 1939 wurde die Schule geschlossen. Die meisten Schüler und Lehrer konnten sich retten.

Nicht nur Selbständigkeit, Offenheit und Denkfähigkeit hat die „PriWaKi“ gefördert – so die einhellige Einschätzung –, sondern in der Zeit der Verfolgung auch Schutz und Geborgenheit gewährt. „Wenn ich ‚meine‘ Schule erreicht hatte“, erinnert sich eine ehemalige Schülerin, „war die Welt in Ordnung. Ich war in Sicherheit.“ Kann es ein schöneres Zeugnis geben?

Gisela Heitkamp

  • Hertha Luise Busemann, Michael Daxner,

Werner Fölling:

Insel der Geborgenheit Die Private Waldschule Kaliski Berlin 1932 bis 1939; Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1992; 379 S., 48,- DM