BERLIN. – Am Sonnabend ist es soweit: Russische und deutsche Historiker wollen in Karlshorst ihr Projekt für ein neues Museum vorstellen, das in Deutschland seinesgleichen nicht hat. Ein Museum zur Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1917 bis 1989 („Zwischen Feindschaft und Freundschaft“), das zugleich eine Begegnungsstätte sein wird, an der junge Wissenschaftler und Museumsfachleute aus Rußland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion arbeiten können. Die feierliche Eröffnung ist für den 50. Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1995 fest eingeplant.

„Schon jetzt steht fest“, sagt Helmut Trotnow, wissenschaftlicher Sekretär der paritätisch besetzten deutsch-russischen Expertenkommission, „daß wir selbst über die Vorgänge bei der Kapitulation noch längst nicht alles wissen – auch im Karlshorster Archiv sind da noch Schätze zu heben“. Warum feiert der Westen den Kapitulationstag am 8. Mai, der Osten erst am 9. Mai? Wie kam der gar nicht vorgesehene französische General Lattre de Tassigny nach Berlin? Nur weil Briten und Amerikaner stundenlang mit den Russen über die Verfahrensfragen verhandeln mußten, konnte er das Dokument mit unterzeichnen und auch noch dem Malheur der russischen Näherinnen abhelfen, die in der Eile statt der französischen die holländische Trikolore zusammengesetzt hatten.

Das Haus, mit mehr als 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, ist schon vorhanden und muß nur noch ein wenig ausgebaut werden: Es liegt an der Rheinsteinstraße und beherbergt zur Zeit noch ein russisches Armeemuseum. Bis zum Abzug der russischen Truppen Ende nächsten Jahres bleibt Generaloberst Burlakow, Oberkommandierender der „Westgruppe“, der Hausherr.

Das zweigeschossige Haus, einer jener typischen grauen Klinkerbauten aus der Zeit der Wiederaufrüstung in den dreißiger Jahren, war die Festungspionierschule der Wehrmacht und fiel den sowjetischen Eroberern im April 1945 unbeschädigt in die Hände. Weil dort Marschall Schukow das Hauptquartier der Roten Armee aufgeschlagen hatte, wurde es als Stätte für einen welthistorischen Akt ausersehen: Im Speisesaal des Kasinos haben in der Nacht vom 8. bis zum 9. Mai 1945 hohe Offiziere der vier Siegermächte und der Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches ratifiziert und mit ihren Unterschriften den Zweiten Weltkrieg, den blutigsten aller Kriege, beendet. In den ersten Jahren des Kalten Krieges stand der Name Karlshorst für die sowjetische Herrschaft über die DDR. Das Marschallhaus, wie es die Russen auf deutsch nennen, war Sitz der sowjetischen Militärregierung. Dort wurden Ministerpräsident Otto Grotewohl 1949 die Amtsgeschäfte übertragen. Gleich nebenan lag die KGB-Zentrale, die größte außerhalb der Sowjetunion. Zuletzt war auf dem Kasernengelände das Wachbataillon der sowjetischen Botschaft in Ostberlin untergebracht. Erst seit 1967 existiert im einstigen Offizierskasino das „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945“.

Nachdem sich Bundeskanzler Kohl verpflichtet hatte, russische Kulturgüter zu erhalten, wurde das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin eingeschaltet, das dann eine deutsch-russische Expertenkommission einberief. Den Mitgliedern war klar: In der bisherigen Form konnte das nur auf russische Besucher zugeschnittene Museum nicht weitergeführt werden. Etwas Neues mußte her.

Kommissionssekretär Helmut Trotnow kann nach zweijährigen Vorbereitungsarbeiten endlich durchatmen: „Wir sind jetzt auf dem richtigen Wege.“ Als Gedenkstätten bleiben in der ursprünglichen Form lediglich der Kapitulationssaal bestehen und das Arbeitszimmer Marschall Schukows. Die Lieblingsidee der Museumsleute, nur Originalexponate zu zeigen, mußte man mangels Masse bald fallenlassen. Zum Ausgleich wird man ausgiebig Filme und Videos zur Dokumentation heranziehen – das wird dem Publikum gefallen.

Nichts wollen die Historiker ausklammern: weder die Geldzuwendungen des Kaiserreichs an die Bolschewiken noch das Zusammenspiel von Reichswehr und Roter Armee, weder den Hitler-Stalin-Pakt noch das Schicksal der Kriegsgefangenen auf beiden Seiten. Was im Armeemuseum so gut wie gar nicht vorkommt, wird nachgeholt: die Erinnerung an das Leiden der sowjetischen Bevölkerung im Krieg, an die nationalsozialistischen Verbrechen, an den irrsinnig hohen Preis des Sieges.