Von Eckhard Roelcke

Eine feine Provokation prangt selbstbewußt auf den Plakaten des Theaters am Turm: „Frühling im TAT“. Wenn es aber nach dem Willen der Grünen im Frankfurter Magistrat ginge, sähe die Zukunft für das kleine Theater mit der großen Reputation schwarz aus. Noch vor wenigen Monaten forderten sie, das TAT zu schließen und das Gebäude dem gerade gegründeten kommunalen Kinder- und Jugendtheater zur Verfügung zu stellen.

Frühling in Frankfurt, und die Paradigmen wechseln: Das Prinzip Gießkanne wird durch das Prinzip Rasenmäher ersetzt. Jahrelang hat die reiche Stadt Frankfurt die brachliegende Kulturszene aufgepäppelt, jetzt droht der Kahlschlag. Einst hatte der CDU-Oberbürgermeister Wallmann die Blüte verordnet, der SPD-Kulturdezernent Hilmar Hoffmann hatte sie konsequent und geschickt gepflegt: In den siebziger Jahren wuchs unter dem Motto „Kultur für alle“ in den Stadtteilen eine einmalige Infrastruktur mit inzwischen 44 Bürgerhäusern und 19 Stadtteilbibliotheken. In den achtziger Jahren entdeckte man die Kultur als wichtigen Standortfaktor für die Wirtschaft. Die Alte Oper wurde wiedereröffnet, die Kunsthalle Schirn direkt neben dem Römer gebaut, das linke Mainufer nach und nach mit neuen Museen aufgepeppt.

Das Image wuchs, die Stadt war stolz nicht nur auf den größten Flughafen und die höchsten Häuser der Nation, sondern auch auf den Kulturetat. Doch der war in Wirklichkeit gar nicht so hoch, wie man es gerne darstellte: Die ehemalige Freie Reichsstadt Frankfurt muß, anders als viele vergleichbare Städte, ihre Kultur größtenteils selbst bezahlen: die Städtischen Bühnen mit Oper, Schauspiel und Ballett, das Opern- und Museumsorchester, die Alte Oper als Konzert- und Kongreßzentrum. Aus dem Frankfurter Kulturetat werden aber auch noch der Zoo bezahlt, fünfzig Prozent der Stadt- und Universitätsbibliothek und der Musikhochschule und mehr als 99 Prozent der Städel-Kunsthochschule – von den 425 Millionen Mark in diesem Jahr sind nur etwa 65 Millionen verfügbar, den Rest verschlingen die fixen Ausgaben fürs Personal, für „Sachkosten“ und föderale Aufgaben.

Jetzt rächt sich der Wachstumswahn der vergangenen Jahrzehnte, der Sparwahn schlägt zu. Muß die Schirn auf eigene Ausstellungen verzichten? Wird die Alte Oper verkauft? Wird das Theater am Turm geschlossen, gar das Schauspielhaus? Dauernd neue Gerüchte, tolldreiste bis dämliche Vorschläge, Banausentum und provinzielles Denken – die Frankfurter Kommunalpolitiker tappen von einer Peinlichkeit zur nächsten, ein Ende ist nicht abzusehen. Zyniker freuen sich schon jetzt auf den Parteitag der Frankfurter SPD am kommenden Wochenende.

Und Linda Reisch, die Kulturdezernentin, die im Mai 1990 gewählte Nachfolgerin von Hilmar Hoffmann? Sie versucht zu retten, was zu retten ist. Im Februar legte sie ein „Umbau“-Papier vor, in dem sie auf 74 Seiten „kulturpolitische Notwendigkeiten der neunziger Jahre“ skizzierte. Selbst die Frankfurter Presse, die sonst keine Gelegenheit verpaßt, die Dezernentin zu attackieren, lobte ihre Analyse: Alle Sparmaßnahmen, so die Dezernentin, fruchten nichts, wenn der Kulturapparat* nicht strukturell verändert wird.

Viel zu lange glaubte Linda Reisch, mit Argumenten bei intelligenten, aufgeklärten Politikern verstanden zu werden. Die SPD-Technokraten sind jedoch kulturtaub und nur an der Machterhaltung interessiert. Weil sie im März die Kommunalwahlen gewinnen wollten, hatten sie die finanzielle Lage verharmlost. Trotz eines katastrophalen Wahlergebnisses können die Sozialdemokraten zuammen mit den Grünen weiterregieren – und prompt wird der gigantische Schuldenberg Frankfurts publik. Die Kulturdezernentin war überrascht. „Erst nach den Wahlen“, klagt Linda Reisch, „sind uns die Daten so brutal auf den Tisch gelegt worden.“

Das zynische Pokern um Millionen entlarvt die inhaltsleere Machtbesessenheit der Politiker: „Wir haben alle in den vergangenen Monaten in dem Bewußtsein gelebt“, so die Kulturdezernentin diplomatisch, aber eindeutig, „daß man nach der Wahl im Kulturetat in einer Größenordnung zwischen drei und fünf Millionen Mark wird einsparen müssen. Das kam uns schon enorm viel vor, In den ersten Gesprächen nach der Wahl wurde ich dann aufgefordert, sechzig Millionen zu sparen. Die Vorgabe des Kämmerers waren dann dreißig Millionen, die Koalition sagte dann 23 Millionen, und ich komme, einschließlich Umverteilung, unter dem Strich auf zehn Millionen. Drei bis fünf Millionen Mark waren vor den Wahlen in Gesprächen mit dem Oberbürgermeister und anderen die Marge.“

Wer so husch, husch mit den Millionen hantiert und von jetzt auf nun drastisches Sparen einklagt, macht sich nicht nur unglaubwürdig, sondern verhindert eine verantwortungsvolle Politik. Die Mär vom riesigen Kulturetat nutzt der kunstfremde Bürgermeister Andreas von Schoeler, um dort abzuschöpfen. Noch kämpft Linda Reisch. Zehn Millionen Mark Einsparungen im laufenden Haushaltsjahr hat sie angeboten: „Viel mehr kann ich nicht verantworten, da sind wir an einer Grenze für 1993. Wenn dennoch mehr eingespart werden soll im Kulturetat, dann müssen das andere in der Öffentlichkeit vertreten.“

Keiner der Frankfurter Kultur-Verantwortlichen bestreitet die Notwendigkeit zu sparen. Auch schwerwiegende Fehler werden zugegeben. Zum Beispiel in der Oper: Durch falsche künstlerische Entscheidungen und Mißwirtschaft (und auch noch Pech) war der gute Ruf in wenigen Jahren ruiniert, die auch international bewunderte (und an anderen Orten inzwischen imitierte) Arbeit von Michael Gielen und Klaus Zehelein zerstört. Der Opernbrand, das planungslose Ende der Bertini-Intendanz und horrende Abfindungssummen haben einen künstlerischen Scherbenhaufen hinterlassen.

Die Strukturen der achtziger Jahre – von Hilmar Hoffmann verantwortet – wirken immer noch nach: Die Abhängigkeit von Gastsängern ist nach wie vor groß, da ein funktionsfähiges Ensemble nicht existiert. Und der große Apparat mit etwa 700 Mitarbeitern ist durch vielfältige „Hausvereinbarungen“ extrem teuer und unflexibel. Wiederholt hat der Opernintendant Martin Steinhoff darauf hingewiesen, daß die Lichter in seinem Haus 1997 ausgehen, wenn sich nicht bald etwas ändert. „Die Rechtsträger, aber auch die Theaterleitungen müssen sich darüber im klaren sein, daß nach vielen Jahren bedenkenlosen Wirtschaftens im Bereich öffentlicher Dienst jetzt nicht von einem Jahr auf das nächste Grundsatzreformen überlegt und umgesetzt werden können.“

Von seinem 68-Millionen-Mark-Haushalt, der seit zwei Jahren eingefroren ist, kann Steinhoff weniger als zehn Millionen für die Kunst ausgeben. Wenn sich nichts ändert, sind die Folgen klar: Da der „Festkostensockel“ durch Tarifverträge jährlich steigt, werden die „disponiblen Mittel“ immer geringer, die Zahl der Aufführungen wird weiter sinken – bis am Schluß der Apparat übrigbleibt.

Deshalb ist Martin Steinhoff fest entschlossen, die Oper zu reformieren. Er hat bereits einen „Maßnahmenkatalog“ ausgearbeitet, den er jedoch nicht öffentlich diskutieren will. Immerhin deutet er die Richtung an: „Man muß sich darüber unterhalten, daß in diesen Häusern wieder etwas stattfindet, was früher durchaus üblich war: Nachtarbeit. Die gesamte Maschinerie steht zwischen elf Uhr abends und sieben Uhr morgens still. Alles klumpt sich in den wenigen Stunden zusammen, in denen durch Arbeitszeitordnungen Drei-Stunden-Blocks das Maximum sind, was überhaupt zusammenhängend möglich ist. Diese vielen Kleinabschnitte, durch die der Arbeitsprozeß eingeteilt ist, machen so viele Umwandlungen der Bühne erforderlich, daß wir sehr viel Verlustzeiten haben.“ Diese Vorschläge machen ihn im Haus nicht gerade beliebt. Ärger wird er auch mit Sängern und ihren Agenturen bekommen: „Ich versuche in Verbindung mit anderen Opernhäusern, einen generellen Gagenschnitt für Gastsänger und Dirigenten, aber auch für Regisseure und Bühnenbildner durchzuführen, um den Markt überhaupt wieder verfügbar zu machen. In diesem Bereich war die Entwicklung in den vergangenen Jahren besonders expansiv.“

Die Kulturgesellschaft, eine vergleichsweise junge Frankfurter Institution, hat in den vergangenen Jahren demonstriert, wie man künstlerisch erfolgreich und gleichzeitig in der Verwaltung und Technik effektiv arbeiten kann: Die Bedeutung der Ausstellungen in der Schirn ist nicht zu bestreiten, das TAT baut durch geschickte Kooperationen mit anderen europäischen Theatern die Stars der Staatstheater von morgen auf, im „alternativen“ Mousonturm treten die künftigen Stars des TAT auf...

Die Kulturgesellschaft ist eine GmbH und kann – mit einer Verwaltung und flexibler Technik – relativ selbständig arbeiten. Daß dabei trotzdem (scheinbar) Schulden entstehen, ist wiederum ein strukturelles Problem: Der Aufsichtsrat der Kulturgesellschaft verabschiedet mit den Stimmen der darin vertretenen Magistratsmitglieder einen Wirtschaftsplan, für 1993 zum Beispiel 28,7 Millionen Mark. Im Haushaltsplan der Stadt wird jedoch viel später und mit den Stimmen derselben Magistratsmitglieder deutlich weniger veranschlagt – 1993: 24,9 Millionen. Da die Planungen der Kulturgesellschaft zu diesem Zeitpunkt schon längst abgeschlossen sind, entsteht zwangsläufig ein Minus. Die „Schulden“ wachsen stetig.

Wie scheinheilig die Kommunalpolitiker im Moment lavieren, offenbarte in der vergangenen Woche der Frankfurter Kulturausschuß. Unter dem Vorsitz des kulturpolitischen Sprechers der SPD, Klaus Sturmfels, präsentierten die Intendanten der Städtischen Bühnen (Sylvain Cambreling und Martin Steinhoff für die Oper, William Forsythe fürs Ballett, Peter Eschberg fürs Schauspiel) dem Ausschuß die Spielpläne der kommenden Saison. Einige harmlos-kritische Nachfragen der Kulturpolitiker – das war’s. Aber zu diesem Zeitpunkt wußten Sturmfels und seine Kollegen bereits, was noch am gleichen Abend bekannt wurde: Die Koalitionsrunde aus SPD und Grünen (in der keine Kulturpolitiker vertreten waren) hatte den Sparkurs für die Kultur forciert.

In den Koalitionsvereinbarungen fordern die Kommunalpolitiker die „Erarbeitung eines Strukturkonzepts, das mittelfristig ein erhebliches Einsparvolumen, davon 1994 mindestens 50 Millionen DM, erbringt“. Falls dieses Ziel nicht durch die „Reduzierung von Probebühnen, Theaterverbundsysteme, Vernetzung von Spielstätten und die Reduzierung der Ausstellungstätigkeit der Museen“ zu erreichen sei, müsse auch „an die Schließung von Spielstätten und anderen Einrichtungen gedacht werden“. Fünfzig Millionen Mark – das sind im Kulturhaushalt 1993 fast die gesamten disponiblen Mittel. Die Sitzung des Kulturausschusses wenige Stunden zuvor war eine Farce.

Die Kulturdezernentin Reisch sagt: „Es kann nicht sein, daß eine Stadt wie Frankfurt das Schauspiel schließt. Es kann auch nicht sein, daß die Kulturgesellschaft ausgelaugt wird, daß das Theater am Turm schließt oder die Schirn zu einer reinen Ausstellungshalle für alle anderen Frankfurter Museen gemacht wird: Dies alles kommt mit mir nicht in Frage. Wenn eine Stadt wie Frankfurt sich irgendwo noch ernst nehmen will, dann kann sie dies nicht tun.“ In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie durchsetzungsfähig die Kulturdezernentin ist.

Die Lage scheint aussichtslos: Einerseits braucht die Stadt sehr schnell sehr viel Geld und muß deshalb rigoros sparen. Andererseits soll der Standort Frankfurt attraktiv bleiben. Denn wie wollen die Kommunalpolitiker etwa die europäische Zentralbank in die Stadt locken, wenn gleichzeitig die (kulturelle) Lebensqualität abnimmt? Grundsätzliche Fragen müßten längst geklärt sein: Wieviel Repräsentativ-Kultur braucht die Stadt und wieviel Soziokultur? Jahrelang wurde darüber nicht wirklich diskutiert, ein Konsens über Grundzüge der Kulturpolitik ist nicht in Sicht. Und die Gießkanne, die stets gefüllt war, ist leer. Der Rasenmäher kommt, und im Sommer wird der Wassernotstand ausgerufen.