Es lohnt sich wirklich, noch einmal nachzulesen, warum die Wiesbadener Filmbewertungsstelle (FBW) dem Film „Warheads“ kein Prädikat verleihen wollte: „Der Bewertungsausschuß war sich einig, daß dieser Film in keinem Ansatz kinogerecht sei. Unverständlich bleibt, daß der Co-Prodizent Fernsehen auf Form und Inhalt keinen erkennbaren Einfluß genommen hat... Der Filmemacher setzt sich leider nicht in analytischer Form mit den eingeführte! Personen oder möglichen Themen des Films auseinander. Vielmehr weist die additive Häufung aller möglichen Aspekte auf eine mangelnde Dramaturgie und ein extrem oberflächliches und erschreckend naives persönliches Interesse am Söldnertum hin. Dies ist um so trauriger, als gerade ein Film über die Parallel-Weit der Söldner für die gesellschaftliche Diskussion notwendig und nützlich wäre.“ Ja, das ist traurig.

Traurig, weil „Warheads“ weder ein „notwendiger und nützlicher“ Diskussionsbeitrag im Sinne der Filmbewertungsstelle sein will noch ein Kapitel der Sendereihe „Die Kriminalpolizei rät: Nepper, Schlepper, Bauernfänger“, sondern ein Erzählfilm, ein Erlebnisbericht. Er erzählt von einem dreiwöchigen Aufenthalt in einem Söldnercamp in Jackson, Mississippi, von einem Besuch bei der Fremdenlegion in Französisch-Guyana, von Begegnungen mit dem Exfremdenlegionär Günter Aschenbrenner und dem britischen Söldner Karl und von einer Winterreise nach Kroatien, in den Krieg. Er erzählt von Männern, die sich schwarzflüssiges Reizgas ins Gesicht schmieren, um ihre Standfestigkeit zu erproben, und anderen, die selbstgebastelte Raketen in den Kofferraum ihres Autos laden, um sie von einem Hügel aus auf „den Feind“ abzufeuern. Er berichtet von alten Kameraden, die gemeinsam ergriffen das Lied vom Polenstädtchen und dem Polenmädchen singen, „das war so schön“. Auch das ist traurig, aber auf eine andere Art.

Wir haben uns daran gewöhnt, das Reden in Schlagworten und halbwahren Begriffen für „Analyse“ zu halten. Aber Analyse bedeutet Auflösung, Brechung, Zersetzung, und davon handelt Karmakars Film. Der Krieg zersetzt die Welt, und Karmakar analysiert den Krieg, indem er den Kriegern mit der Kamera folgt, vorsichtig, geduldig, ohne Besserwisserei. Er schaut dem Tod nicht bei der Arbeit zu, sondern in den Ruhepausen, wenn sich das Erlebte in den Gesichtern spiegelt. Er läßt seine Gesprächspartner lügen („mein Vater wurde zur SS eingezogen“), ohne sie zu korrigieren, und seine Bilder ausreden, ohne sie durch Zwischenschnitte zu verstümmeln. Er beobachtet die Söldner so erbarmungslos neugierig, wie er in „Coup de Boule“ (1987) französische Rekruten, in „Gallodrome“ (1988) Hahnenkämpfe und in „Hunde aus Samt und Stahl“ (1989) Pitbull-Besitzer beobachtet hat, solange, bis man erkennt, daß auch in den Köpfen der Schlächter die Angst wohnt: um die Altersversorgung, die Familie, den eigenen „Arbeitsplatz“. Romuald Karmakar ist kein lauwarmer Dokumentarist, sondern ein Fanatiker der filmischen Wahrheit. Ohne ihn wären wir auf die Analysen des Fernsehens angewiesen. Und das wäre mehr als traurig. Andreas Kilb