Ein wenig hat Engholm das vereinbarte Drehbuch dann auch selbst noch verändert. Zur Verblüffung seiner Vertrauten ließ er sich am Samstag auf ein Gespräch mit einem Redakteur von Bild am Sonntag ein: Die Sache von damals sei für ihn eine "Petitesse gewesen".

Auch jetzt noch bleibt unbegreiflich, warum Engholm den parlamentarischen Untersuchungsausschuß 1987 belogen hat und warum er selbst Anfang März, als die "Schubladenaffäre" an die Öffentlichkeit kam, nicht reinen Tisch gemacht hat. Sein Zögern trug nur dazu bei, neuen Verdacht zu nähren. Er habe das alles fünf Jahre lang verdrängt, sagt Engholm am späten Abend mit ruhiger, gefaßter Stimme. Das habe seinem Selbstschutz gedient.

Engholm scheint gelassen, wie erleichtert in diesen hektischen Stunden nach dem spektakulären Fall. Nur die Hände verraten, daß es in ihm auch anders aussehen mag: Seine Gesten wirken verkrampft, wenn er sich nicht gerade an der Pfeife oder einem Zigarillo festhalten kann. Er muß häufig den Platz wechseln, vor eine andere Kamera, er tritt vor die versammelten Genossen, spricht in kleiner Runde mit Freunden.

Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse erscheint gespenstisch: Während der gefallene Hoffnungsträger Erklärungen abgibt, die auch durch Wiederholen nicht glaubwürdiger erscheinen, bekundet Gerhard Schröder auf dem Bildschirm seinen wie immer ungebrochenen Willen zur Macht, wird drinnen im Saal über den neuen Ministerpräsidenten beraten. Der Kieler Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel wirft seinen Hut in den Ring – allerdings nur unter der Bedingung einer Urabstimmung der schleswig-holsteinischen SPD. Die Idee wird abgeschmettert, sie würde viel zuviel Zeit kosten. Schließlich geht es darum, schnell den "Knoten zu durchschlagen". So wird beschlossen, noch an diesem Abend die Finanzministerin Heide Simonis zur ersten Ministerpräsidentin Deutschlands zu nominieren.

Der neuen Kieler Regierung werden – ohne Engholm und ohne Sozialminister Günther Jansen – die beiden "besten Köpfe" fehlen. Wie die neue Mannschaft künftig aussehen wird, steht noch offen. Oppositionschef Ottfried Hennig jedenfalls hat sich beeilt, die Entlassung einiger Minister zu fordern, so wie die des Chefs der Staatskanzlei Stefan Pelny – "unzweifelhaft die graue Eminenz im mißlungenen Krisenmanagement des zurückgetretenen Ministerpräsidenten".

Der zurückgetretene Ministerpräsident selbst würde gerne sein Mandat als Landtagsabgeordneter behalten, "wenn es die Fraktion mir gestattet", und zumindest so lange, bis die Beratungen des Untersuchungsausschusses abgeschlossen seien. Engholm schiebt eine Begründung nach, hinter der sich hoffentlich nicht mehr verbirgt als ein mißglückter Scherz: Er wolle dadurch auch seine parlanentarische Immunität bewahren.

Die letzte Frage, die Engholm vor den unzähligen Kameras gestellt wird, weist darauf hin, daß ihn die verdrängte Vergangenheit so schnell auch jetzt nicht loslassen wird. Es geht wieder um einen Vorabdruck, diesmal im stern. Dort heißt es, der frühere Engholm-Vertraute Klaus Nilius habe möglicherweise von seiner Partei Geld dafür erhalten, daß er vor dem Untersuchungsausschuß über sein Zusammenwirken mit Reiner Pfeiffer falsch ausgesagt habe. Das soll aus einem Vermerk des Verfassungsschutzes hervorgehen, der des aus Stasi-Quellen erfahren haben will. Was Engholm dazu sage? Kopfschüttelnd läßt er sich das Papier geben, liest es und sagt zum Abschluß: "Dies ist eine Ente."