Von Norman Birnbaum

Mit dem am 6. Mai verstorbenen Irving Howe haben die Vereinigten Staaten ihren letzten großen Literaturkritiker und sozial engagierten Denker verloren. Er war einer jener New Yorker Intellektuellen, die zwischen den dreißiger und siebziger Jahren eine zentrale Bedeutung für die amerikanische Kultur hatten. Er brachte die Autoren, die eine Generation älter als er waren und in der Zeitschrift Partisan Review schrieben, mit jüngeren Schriftstellern in den Medien und Universitäten zusammen, wo die intellektuelle Avantgarde keinen Ort hatte.

Howe war ein leidenschaftlicher Verteidiger der Moderne, die er als den Schauplatz verstand, auf dem die Komplexitäten des 20. Jahrhunderts zu meistern seien. In der Zeitschrift Politics and the Novel erörterte er, daß Literatur eine höhere Form des politischen Diskurses sei, besonders dann, wenn sie sich nicht mit der Oberfläche der Ereignisse zufrieden gebe, sondern sich mit der subtilen Wechselwirkung von Geschichte und moralischem Empfinden auseinandersetze. Er glaubte an den Fortschritt trotz (er sagte: wegen) der Schrecken des Jahrhunderts.

Das 19. Jahrhundert faszinierte ihn. Dennoch war er keineswegs nostalgisch, denn er wußte, daß die Zeit der Bourgeoisie vorbei war. Er wuchs während der Zeit der Depression auf und studierte am City College der New York Public University, als sie noch ein brodelnder Kessel voller radikaler Ideen war. Den Stalinismus bekämpfte er, aber dem Sozialismus hat er nie abgeschworen. Mit anderen, Norman Mailer zum Beispiel und dem in Berlin geborenen Soziologen Lewis Coser, gründete er 1954 die Zeitschrift Dissent, die mit sarkastischem Blick die Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges kritisierte und den kapitalistischen Konsumismus anprangerte.

Dissent veröffentlichte unter anderem Texte des jungen Schriftstellers Michael Harrington. Mit Harrington und anderen gründete Howe 1973 eine kleine Gruppe, die sich der Sozialistischen Internationale anschloß, aber innerhalb des reformerischen Sektors der amerikanischen Demokratischen Partei (Democratic Socialists of America) arbeitete. Sein Modell einer amerikanischen Reformpolitik orientierte sich an der britischen Labour Party und den deutschen Sozialdemokraten. Er schrieb ein Buch über die United Auto Workers, ein anderes über das Schicksal des Sozialismus in Amerika und, zusammen mit Coser, eine schonungslose Geschichte der amerikanischen Kommunistischen Partei.

Howe war verwurzelt in jener Intellektuellenschicht, die sich in New York aus den Nachfahren der aus Osteuropa immigrierten Juden gebildet hatte. Er besaß die moralische Energie einer säkularisierten prophetischen Tradition. Sein Buch "World of Our Fathers" ist ein bewegender Bericht über die Einwanderung osteuropäischer Juden, der Gottesfurcht und Respektlosigkeit, Liebe und Distanz miteinander verbindet. Dennoch hielt er die Vereinigten Staaten für das Gelobte Land. Eines seiner letzten Bücher über Emerson drückt seine Hoffnung aus für unser Land. Er nannte es "The American Newness".

Howe verachtete Umschweife und haßte die Intrige und prätentiöse Moral. Er teilte den Glauben des New Yorkers, daß alle anderen Orte provinziell seien, und er besaß auch die intellektuelle Präzision eines New Yorkers. Als aufgedeckt wurde, daß der Kongress für Kulturelle Freiheit eine Filiale der CIA war, reagierte er ohne Gnade. Sie gäben vor, die Freiheit und die westliche Kultur verteidigen zu wollen, so schrieb er über die beteiligten Intellektuellen, in Wirklichkeit aber sei das nur Getue. In einem Vorwort für eine kürzlich erschienene Ausgabe des Dissent über Amerikas soziale Probleme, schrieb er, man benötige kein Forschungsinstitut, um sie zu identifizieren. Ein Spaziergang genüge.