3Sat, Sonntag, 16. Mai, 21 Uhr: „Die Reise nach Schweden. Kristina Söderbaum – Portrait einer Schauspielerin“, Film von Hans-Christoph Blumenberg

Sie sagt: „Man muß lernen, spielen lernen, das Leben lernen. Das hört nicht auf, auch wenn man alt ist. Lernen, daß man nicht so wichtig ist, wie man vielleicht gedacht hat.“ Sie bekomme heute noch Briefe, sagt sie, „von Leuten, die sich daran erinnern, daß mein Bild im Spind hing“, damals. „Ich bin sicher“, sagt sie, „wenn ich sterbe, dann sagen sie: Reichswasserlasche ist gestorben.“

Nein, sie kann es nicht sagen, das Wort, sie bringt es nicht über die Lippen, auch wenn kein Weg daran vorbeiführt, wenn sie es sagen muß, weil es ihr Wort ist. Sie sagt „Reichswasserlasche“, nicht weil ihr schwedischer Akzent mit den Jahren wieder stärker geworden ist, sondern weil es immer noch schmerzt und weil das Gedächtnis der Leute kein Erbarmen kennt. „Reichswasserleiche“, so hat Goebbels sie genannt, nachdem sie mit Veit Harlan „Die Reise nach Tilsit“ (1939), „Die goldene Stadt“ (1942) und „Opfergang“ (1944) gedreht hatte, ihre drei besten Filme und drei der besten Ufa-Tonfilme überhaupt; und bis an ihr Lebensende wird das verhaßte Wort an ihr klebenbleiben, zusammen mit der Erinnerung an Harlan, ihren Ehemann und ihren Regisseur.

Kristina Söderbaum ist 81 Jahre alt. Siebenundzwanzig Jahre davon, die wichtigsten, hat sie mit Veit Harlan verbracht. Er entdeckte sie, machte sie groß, und als er fiel, da fiel sie mit ihm. Harlan, das Großtalent, war viel zu ehrgeizig und viel zu linientreu, um den Auftrag für den Großfilm „Jud Süß“ (1940) abzulehnen, und als die Welle der Vernichtung nach Babelsberg zurückrollte, setzte er mit „Kolberg“ (1945) den Schlußpunkt. Nach dem Krieg wurde er angeklagt und freigesprochen, aber er blieb Goebbels’ Lieblingsregisseur, und der Fluch seines Werks traf auch Kristina, seinen Star. Zwischen 1950 und 1958 drehte Harlan mit Kristina Söderbaum noch neun erfolglose Filme. Nach seinem Tod, 1964, verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Photographin. Nur einmal noch, 1974 in Syberbergs „Karl May“, trat sie vor eine Filmkamera. Aber wenn man sie jetzt sieht, zerbrechlich und zäh, schüchtern und doch selbstbewußt, dann ist es, als hätte sie nie aufgehört, ein Star zu sein.

Hans-Christoph Blumenbergs Film, der schon am vergangenen Sonntag in einer stark gekürzten Fassung im ZDF zu sehen war, ist kein Denkmal für Kristina Söderbaum, eher ein zärtliches Andenken. Blumenberg hat nicht nur die unvermeidlichen Filmausschnitte aus dem Archiv geholt, sondern auch die Köchin und das Kindermädchen aus der Berliner Zeit des Ehepaars Harlan gefunden und sogar den seltsamen Erfinder und Söderbaum-Verehrer Klaus Jebens auf seinem „Immensee“-Hof am Plöner See besucht. Er ist mit Kristina, der Greisin, ins Land ihrer Kindheit gefahren, er hat sie ins Stockholmer Arbeitszimmer ihres Vaters, zu ihrer Schwester und zu ihrer Nichte begleitet, ohne seine Erzählung in Rührseligkeit zu ertränken. So entsteht das Bild einer Frau, die viel zu spät aus ihrem Mädchentraum erwacht ist, die ihren Ruhm mit Vergessenwerden und ihre Liebe mit Hörigkeit bezahlt hat, das Portrait einer stillen Kämpferin, einer Überlebenden. „In ihr ist eine seltsame, sanfte Stärke“, sagt Blumenberg über Kristina Söderbaum. Das gilt auch für seinen Film.

Andreas Kilb