Von Klaus Hartung

Ja, dem „gestirnten Himmel über uns“ sind die Berliner Abgeordneten jetzt nahe gerückt, insbesondere wenn Haushaltsdebatten bis in die Nacht gehen müssen. Die zugleich krönende wie auch erhebende Glaspyramide über dem Plenarsaal gehört jedenfalls zu den unbestrittenen Glanzstücken des neu eröffneten Preußischen Landtages. Die Konstruktion – das historische Walmdach, an der Basis abgeschlossen mit einem flachen, verglasten Stahlrohrtragwerk – vermittelt die große Berliner Ambition, so eine Art Programmatik des Gelingens: die Tradition achtend, aber zweifellos modern. Solide und leicht, symbolisch und rational, so soll es sein, wenn wir die Hauptstadt bauen. Die Berliner Legislative im Blickkontakt zum Wolkentheater der Stadt, eine barocke und imperativische Architekturidee. Werden nun die Abgeordneten ihren Hang zur Rüpelei vergessen und „das Gesetz in sich“ spüren?

Der Umzug ins erneuerte Gebäude jedoch war kaum erhebend. Ein Berliner pasticcio aus forcierter Symbolik, schlechter Laune, Volkstümlichkeit und Geschichtsbeschwörung. Die Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien sagte: „Wir haben auch zeigen wollen, wie schnell man verantwortbar umziehen kann“, und zwar auf eine Baustelle. Höre, Bonn! Stolz auch über die minimalen Umzugskosten von 45 000 Mark, wegen der tätigen Handarbeit der Fraktionen. Auch das wurde unüberhörbar an die real existierende Hauptstadt gemeldet. Die Presse notierte hämisch den Preis für die roten italienischen Designer-Sesselchen in der Wandelhalle. 865 Mark das Stück. Beim Volksempfang intonierte ein Berliner Traditionsorchester „Wir wollen unsern alten Kaiser Willem wiederhab’n“, die drängelnden Massen verzehrten Buletten (auf Kosten der Fraktionen) und hatten das Gefühl, irgendwo sei einmal die Republik ausgerufen worden. Im übrigen ließ man bei der Eröffnung vorsichtshalber den Bauzaun stehen, wegen der unübersichtlichen Umtriebe autonomer NO-Olympioniken.

Der damalige Präsident Jürgen Wohlrabe hatte ganz in der Wild-Ost-Manier der ersten Treuhand-Phase zugeschlagen: „Meine Erfindung, mein Denkmal.“ Ohne Debatte der Volksvertreter und mit einem gänzlich unseriösen, wohl aber überzeugenden Kostenansatz von 40 Millionen Mark für die Rekonstruktion des Plenarsaales wurde für den Umzug entschieden. Jetzt sind die Kosten insgesamt schon auf 162 Millionen Mark aufgelaufen. Die Fraktion Bündnis 90/AL spricht vom „teuersten Beitrag zur Politikverdrossenheit“. Der Architekt Jan Rave hatte den Auftrag ohne Ausschreibung und Wettbewerb erhalten. Wütende Proteste der Architektenkammer, des Bausenators und des Stadtforums wurden abgewiesen. Doch teurer wurde das Haus nicht deswegen, sondern der aufwendigen Klimatechnik, der Fassadenerneuerung und anderen Extras wegen. Der unaufrichtige Umgang mit den Kosten entspricht dabei dem kleinlichen Ressentiment der Öffentlichkeit gegen Repräsentation überhaupt.

Zum Sarkasmus scheint die Muse der Geschichte bei diesem Bau zu neigen. Er hat jetzt drei Adressen. Präsidentin Laurien fand es mit der Würde des Hauses unvereinbar, die Niederkirchner Straße zur Anschrift zu machen, weil Käte Niederkirchner, eine von den Nazis umgebrachte kommunistische Widerstandskämpferin, aus Überzeugung und Herkunft Stalinistin gewesen sei. Darum die Anschrift „Berlin Mitte“. Bündnis 90/AL hingegen bleiben bei der Adresse, während die CDU-Fraktion sich für „Preußischer Landtag“ entschieden hat.

Auch eine Adressenfrage anderer Art gibt es: Die Abgeordneten tagen weit entfernt von der Exekutive im Roten Rathaus. Das Stadthaus hätte buchstäblich näher gelegen. Außerdem soll das Parlament verkleinert und Berlin mit Brandenburg zusammengelegt werden. Ein Berliner Magistrat gehört nicht in den Riesenbau. Aber die Abgeordneten werden sich an ihre erhebende Umgebung so schnell gewöhnt haben, daß ihnen dann ein Umzug in den Potsdamer „Kreml“ fernliegt. Bonner Argumente im Berliner Jargon wird man hören.

Die Geschichte des Gebäudes ist wie sonst nirgendwo verdichtete deutsche Geschichte. 1899 wurde es bezogen, 1918 tagte im Plenarsaal die Reichsversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte. Hier fiel die historische Entscheidung gegen eine Räterepublik; im heutigen Festsaal fand die Gründungskonferenz der KPD statt. Die Spuren der DDR-Gedenkstätte mit den Büsten von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht jedoch sind gelöscht. Am 25. Mai 1932, kurz vor dem „Preußenschlag“, an dem der amtierende sozialdemokratische Ministerpräsident Otto Braun gestürzt wurde, löste der Vorwurf Wilhelm Piecks (KPD), daß Mörder unter den NSdAP-Abgeordneten seien, eine Schlägerei aus – Vorbote kommender Zerstörungen. 1933/34 beherbergte das Haus den Volksgerichtshof, dann machte der Preußische Ministerpräsident Göring aus dem „Haus der Schwätzer“ ein „Haus der Flieger“. 1949 rief Wilhelm Pieck hier die DDR aus. Mit dem Mauerbau wurde das Haus zur Frontfestung des Friedenswalls, mit Abhöreinrichtungen und Beobachtungsständen.