Es soll vorkommen, daß ratlose Ärzte in kniffligen Situationen zu zweifelhaften Wundermitteln greifen. So mag es auch den Delegierten des Deutschen Ärztetages gegangen sein. Wieder einmal wollen sie einen Teil ihrer Patienten mit einer bitteren, aber dennoch ganz unmedizinischen Arznei kurieren: mit einer Strafgebühr für ungesunden Lebenswandel. Vor allem Raucher und Trinker, aber auch leichtsinnige Sportler, vom Bergsteiger bis zum Fußballspieler, sollen auf dem Umweg über den Geldbeutel umerzogen werden.

Die Idee ist uralt. Auch Völlerei sollte schon einmal mit einer Sondersteuer belegt werden. Aber bisher hat sich in Bonn immer noch die Vernunft durchgesetzt. Doch nun, da die Kosten des Gesundheitssystems noch lange nicht unter Kontrolle sind, scheint man im Gesundheitsministerium einer Abgabe auf Zigaretten, Schnaps und möglicherweise bestimmte Sportartikel wohlwollender gegenüberzustehen. Die Krankenkassen haben zwar bisher nicht Stellung bezogen, aber für viele Versicherte mag der Vorschlag durchaus einen Reiz haben: Sie sehen nicht ein, warum sie für vermeidbare Kosten aufkommen sollen. Wer sich auf steilen Pisten die Knochen bricht, ist schließlich selber schuld. Wer sich ein Raucherbein zuzieht, ebenfalls, und wer dem Suff verfällt, sowieso.

Aber das ist zu kurz gedacht. Erstens lassen sich Krankheiten selten auf eine ganz bestimmte Ursache zurückführen. Zweitens ist die Unterscheidung zwischen leichtsinnigem und verantwortungsvollem Umgang mit der Gesundheit äußerst schwierig. Skifahren zum Beispiel ist sehr gesund, für den, der es kann und seine eigenen Grenzen kennt – für andere kann es allerdings lebensgefährlich sein. Selbst beim Rauchen ist die Lage nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Lebt derjenige wirklich gesünder, der seinen Alltagsstreß statt mit Zigaretten mit Aufputschmitteln zu bewältigen sucht? Wenn aber die Datenlage so unklar ist: Wie will man darauf eine Ungleichbehandlung der Versicherten stützen?

Begründet wird die Forderung nach einer Sondersteuer für Raucher, Trinker und Sportler auch mit dem Ziel, die Ausgaben im Gesundheitswesen zu verringern. Doch daß dies ausgerechnet durch die Bestrafung bestimmter Risikogruppen erreicht wird, ist höchst zweifelhaft. Schließlich würde die geforderte Sonderabgabe erst einmal zu höheren Einnahmen führen. Diese sollen nach Vorstellung des Ärztetages für die Finanzierung gesundheitlicher Folgekosten zweckgebunden werden – und mithin vor allem erst einmal den Ärzten selbst zugute kommen. Daß das ein sehr merkwürdiger Weg ist, um Gesundheitskosten zu senken, sollte Minister Horst Seehofer eigentlich einleuchten.

Überdies steht längst nicht fest, daß Raucher oder Trinker tatsächlich höhere Gesundheitsausgaben verursachen als andere. Es gibt ernsthafte Rechnungen, nach denen ein Kettenraucher wegen seiner geringeren Lebenserwartung das Sozialsystem deutlich weniger belastet als manch gesundheitsbewußter Vegetarier, der neunzig Jahre alt wird.

Diese Rechnung ist natürlich zynisch. Aber ist nicht auch die Argumentation des Ärztetages zynisch? Gesundheitsbewußtsein läßt sich nicht regeln, indem man den Betroffenen noch tiefer in die Brieftasche langt. Es ist eine Frage der Erziehung und der Aufklärung. Aufgabe der Ärzte sollte es eigentlich sein, ihre Patienten gründlich zu informieren und sich ernsthaft mit den Problemen auseinanderzusetzen, die zum Rauchen oder Trinken führen. Doch die Praxis in den Praxen ist meist anders. Umfragen belegen, daß nur die wenigsten überhaupt danach fragen, ob ihre Patienten rauchen oder nicht. Ohne nachzudenken, werden in den Wartezimmern Zeitschriften voller Tabak- und Alkoholwerbung ausgelegt. Und die Zahl der Ärzte, die selbst rauchen, ist in Deutschland so hoch wie in keinem anderen vergleichbaren Land.

Deutschlands Ärzte sind also alles andere als gute Vorbilder. Ihr Versuch, die Patienten durch finanzielle Bestrafung zu einem gesünderen Verhalten zu zwingen, sollte deshalb mit Vorsicht genossen werden. Mehr als die Gesundheit hatten viele Delegierte des Ärztetages vermutlich die Honorareinbußen im Kopf, die ihnen die Gesundheitsreform in den vergangenen Monaten beschert hat. Vielleicht sehen sie in der geforderten Gesundheitsabgabe eine Möglichkeit, diese Lücke wieder zu füllen. Udo Perina