Von allen journalistischen Gattungen ist die Lobrede (lat. laudatio hudeliensis) die am wenigsten gepflegte. Im Verriß, in der Häme, in der furchtlosen Entlarvung der Unmoral überbieten sich die Kollegen nach Kräften. Wie schwer aber fällt (uns allen!) die freudige Zustimmung, das neidlose Geltenlassen des anderen. Und noch schwerer ist es, den Kollegen in der eigenen Zeitung zu loben. Allzu oft hindern uns Ruhmessucht und Karrieredenken daran, die Qualität unseres Zimmernachbarn anzuerkennen und der Öffentlichkeit vorurteilslos mitzuteilen.

Ausnahmen, löbliche, gibt es, und sie häufen sich glücklicherweise. Was der Literaturchef Frank Schirrmächer kürzlich in der FAZ zum Lob seines Vorgängers und Zeitungskollegen Reich-Ranicki auf einer ganzen Seite zustande brachte, hätte für zehn Lobreden genügt. Wes das Herz leer ist, des fließt der Mund über.

Das muß sich Jürgen Busche zu Herzen genommen haben, als er in der SZ den Auftritt seines Kollegen Joachim Kaiser im "Literarischen Quartett" nutzte, um zu demonstrieren, daß die wahre Lobeskunst darin besteht, die Schleimspur hinter sich abzusondern, weil anders der Autor ins Rutschen käme. "Hätte die Sendung eine halbe Stunde länger gedauert, hätte Kaiser seine Kontrahenten an den Seilen seines imaginären Boxringes zum Trocknen aufgehängt." Das ist ein ebenso elegantes wie subtiles Lob, und hätte Busches Rede eine halbe Manuskriptseite länger gedauert, wäre sein Lobling Kaiser im imaginären Sahnetopf dieser Laudatio schlichtweg ersoffen.

Wir loben uns viel zu selten. Der Leser ist ein ferner, kalter Gott, der schweigt und brütet und manchmal wegen einer falschen Jahreszahl zornige Blitze schleudert. Wann zuletzt ist an dieser Stelle die wunderbar mäandrierende Unendlichkeitspoesie des Kollegen B. Henrichs (und seine Theaterbeschreibungskunst übertrifft, ja ersetzt die Theaterdarstellungskunst) gebührend gelobt worden? Hat der Leser nicht ein Recht, das nimmermüde, bedächtige und bedachte Wort U. Greiners zur geistigen Lage der Nation (und seine geistige Lage ersetzt die Nation) gewürdigt zu sehen?

So soll es sein, so wird es sein. Ab sofort wird zurückgelobt. Die Leser werden gebeten, die Sauerstoffmasken anzulegen. Finis