Von Mario Müller

Wie lange bleibt Franz Steinkühler noch Vorsitzender der IG Metall? Kann sich die mächtige Gewerkschaft einen Chef leisten, der mal eben für knapp eine Million Mark Aktien eines Unternehmens kauft, dem er qua Aufsichtsratsmandat verbunden ist, während die Mitglieder in den neuen Bundesländern für ein paar Mark mehr Stundenlohn streiken?

"Ich sehe keinen Anlaß für Konsequenzen", antwortete Steinkühler am Montag auf einer eilends einberufenen "privaten" Pressekonferenz auf die Frage, ob er zurücktreten werde. Und mit Moral habe die ganze Angelegenheit ohnehin nichts zu tun, meint der Gewerkschaftsboß.

Steinkühler ist sich offenbar der Tragweite des vom stern aufgedeckten Skandals noch nicht richtig bewußt. Okay, "aus heutiger Sicht" sei das, was er getan habe, zwar "absolut unvernünftig" gewesen. Aber Gewissensbisse plagten ihn nicht, geschweige denn, daß er sich schuldig fühlte. Die Vorwürfe seien "objektiv falsch" und als Versuch zu weiten, "meine Person in Mißkredit zu bringen", wie es in einem Schreiben an die wichtigsten Gremien der IG Metall heißt.

Den Verdacht, Steinkühler habe unzulässige Insidergeschäfte mit Wertpapieren abgeschlossen, hatte der stern am Montag mit einer Vorabmeldung publik gemacht. Danach kaufte Steinkühler, der im Aufsichtsrat der Daimler-Benz AG sitzt, im März und zuletzt am 1. April für sich und seinen minderjährigen Sohn Dominik für 998406 Mark Aktien der Mercedes Aktiengesellschaft Holding (MAH), die rund ein Viertel des Kapitals der Daimler-Benz AG hält. Am 2. April entschied deren Aufsichtsrat, daß der Stuttgarter Konzern selbst die MAH übernimmt und deren Aktien im Verhältnis eins zu eins in Daimler-Anteilscheine umtauscht. Der Beschluß katapultierte den Kurs der MAH-Aktien, der in der Vergangenheit deutlich unter den Notierungen der Daimler-Papiere gelegen hatte, sofort nach oben. Offenbar hatte der Aufsichtsrat unter Vorsitz von Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper nicht bedacht, daß zum Zeitpunkt der Bekanntgabe der Entscheidung die Börse zwar geschlossen, das elektronische Handelssystem Ibis jedoch noch in Betrieb war. Dort konnten noch am selben Tag mit dem Kauf von MAH-Aktien beachtliche Gewinne eingestrichen werden.

Seitdem ermittelt eine Prüfungskommission der Börse, ob Insider der beteiligten Unternehmen ihren Wissensvorsprung zu unzulässigen Geschäften ausgenutzt haben. Börsengeschäfte aufgrund von Insiderwissen sind zwar in Deutschland bislang nicht strafbar (siehe DIE ZEIT Nr. 20). Daimler-Benz zählt jedoch zur großen Mehrzahl jener deutschen Aktiengesellschaften, die den Ehrenkodex der Insider-Richtlinien anerkannt haben. Und diese Anerkennung ist auch für Vorstände und Aufsichtsräte verbindlich.

Steinkühler bestreitet, schon vorab von der geplanten Fusion der beiden Unternehmen gewußt zu haben. In einem Brief an den Vorsitzenden der Insider-Prüfungskommission an der Frankfurter Börse, Friedrich-Karl Freiherr zu Megede, erklärt der IG-Metall-Vorsitzende, er habe erstmals in der Aufsichtsratssitzung am 2. April "Kenntnis von der Verschmelzungsabsicht erlangt". Edzard Reuter bestätigte offenbar diese Aussage. Der Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG habe erklärt, "daß ich keine Insiderkenntnisse haben konnte", läßt Steinkühler wissen. Kann sich der Konzernchef wirklich sicher sein, daß über die Fusionsabsichten nichts aus dem Kreis der acht bis zehn vorab Informierten nach draußen drang?