Von Erika Martens

Die Erleichterung über ein bevorstehendes Ende des Arbeitskampfes in der ostdeutschen Metallindustrie war nur von kurzer Dauer. Mit der Vorbildfunktion des sächsischen Kompromisses war es zunächst nicht so weit her. Übrigens auch nicht mit der Vorbildfunktion des IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler. Ist das noch einer der Ihren, der knapp eine Million Mark in Aktien anlegen kann? Das müssen sich all jene Menschen fragen, die mit ihrem ersten Streik seit mehr als sechzig Jahren nicht nur für zwei Mark mehr Stundenlohn, sondern auch für ihre Selbstachtung kämpften. Es wird dem-IG Metall-Chef schwerfallen, seinen Umgang mit Summen zu erklären, die in den Augen von Gewerkschaftsmitgliedern unvorstellbar sind.

Doch selbst die Affäre um Steinkühler kann die grundsätzlichen Probleme seiner Gewerkschaft nicht überdecken. Sie wurden in dem quälenden Streit um den Stufenplan in Ostdeutschland wie in einem Brennglas sichtbar. Die Einigung von Dresden hat sie nicht aufgelöst.

Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungskraft der Betriebe, die den Weg zum Dresdner Kompromiß so schwierig machten, treten auch im Westen – verschärft durch die Rezession – immer deutlicher hervor. Die kleinen und mittleren Unternehmen, die rund siebzig Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigen, fühlen sich zunehmend benachteiligt, vor allem durch die Lohnpolitik der Tarifvertragsparteien. Nach Härteklauseln, wie sie jetzt in Ostdeutschland gelten, verlangen sie seit langem auch für den Westen.

Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften werden sich diesem Drängen auf Dauer nicht verschließen können. Vor allem dann nicht, wenn sie – wie jetzt im Osten – aus guten Gründen am Flächentarifvertrag im Prinzip festhalten wollen. Denn er allein kann für gleiche Wettbewerbsbedingungen in diesem Gebiet und für sozialen Frieden sorgen. Freilich muß die Erfahrung mit der Ausnahmeklausel im Osten erst beweisen, ob die gefundenen Regelungen ausreichend Gewähr für vernünftige Übereinkommen bieten oder doch eher Stoff für neuen Streit in sich bergen.

Aber nicht nur der Mittelstand verlangt nach mehr Flexibilität der Tarifvertragsparteien. Auch die neuen Techniken und Organisationsformen in den Unternehmen – ob groß oder klein – erfordern maßgeschneiderte Lösungen. Schließlich zwingen die individuellen Bedürfnisse von Käufern und Beschäftigten die Tarifpartner zum Umdenken. Umdenken müssen allerdings auch die Unternehmen, die die Möglichkeiten der Tarifverträge bisher viel zuwenig genutzt haben.

Angesichts der ökonomischen Misere, die wenig Raum für Reallohnzuwächse läßt, müssen Gewerkschaften und Arbeitgeber überdies weg vom Prozentdenken. Qualität statt Quantität heißt die Devise der Zukunft. Konkret: In der Tarifpolitik ist Phantasie gefragt, bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes und bei der Mitbestimmung, bei der gerechten Verteilung des Wenigen, was zusätzlich zur Verfügung steht, und bei der schwierigen Aufgabe, Motivation ohne finanzielle Anreize zu schaffen.