Von Gunhild Freese

Wer eigentlich ist Leo Kirch? Geschäftspartner beschreiben ihn als „charmanten Herrn“, mit dem man „über viele Sachen reden“ könne. Selbst erbitterte Gegner schildern ihn als „liebenswürdig“. Und Konkurrenten bewundern ihn als „sehr, sehr erfolgreichen Mann“.

Aber es gibt auch ein Gegenbild: In Geschäften sei er „mit allen Wassern gewaschen“ und „ohne jede Moral“, ein Mann, der sich „nicht an Verträge hält“. Andere beschreiben ihn als „Aufsteiger par excellence“, als „genialen Spieler“, der sich nicht scheue, „im Poker um Macht und Geld alles zu riskieren“.

Viel ist es also nicht, was über den „Filmhändler“, wie Leo Kirch sich selbst in rührendem Understatement einmal genannt hat, in der Öffentlichkeit bekannt ist. Längst aber hat sich der Mann, der es vorzieht, im Hintergrund zu wirken und seine Geschäfte über vielfältige persönliche Beziehungen zu regeln, ein mächtiges Medienimperium zusammengekauft. Neben dem traditionellen Programmgeschäft verfügt der bald 67jährige über 43 Prozent am Kapital des zweitgrößten Privatsenders Sat 1 sowie Beteiligungen am Deutschen Sport Fernsehen (DSF) und am Pay-TV-Kanal Premiere. Sein Sohn hält eine knappe Mehrheit am Abspielsender Pro 7 und eine Beteiligung am Filmsender Kabelkanal. Seit 1984 ist Kirch zudem am Zeitungs- und Zeitschriftenkonzern Axel Springer (Bild, Welt, Welt am Sonntag, Hörzu) beteiligt, inzwischen liegt sein Anteil über 35 Prozent. Er ist im Filmverleih aktiv ebenso wie im Kinobetrieb. Ein Medienmogul, dessen Macht und Einflußmöglichkeiten mit solch einer Aufzählung kaum hinreichend beschrieben sind.

Doch schon bald wird der Sohn eines fränkischen Winzers einige Einblicke in sein verborgenes Reich zulassen müssen. Gleich drei Landesmedienanstalten sind als Kontrolleure von Privatfernsehen dabei, Beteiligungen und Einflußnahme von Kirch auf einzelne Sender zu überprüfen:

  • Das Münchner Verwaltungsgericht muß auf eine Klage der Berlin-Brandenburgischen Medienanstalt hin entscheiden, ob der Kirch-Einfluß auf den Sender DSF unerlaubterweise über seine Minderheitsbeteiligung hinausreicht. Da im ersten Eilverfahren der Bayerische Verfassungsgerichtshof entschieden hat, daß der Sendebetrieb bis zur endgültigen Entscheidung aufrechterhalten werden darf, hat der Direktor der Berliner Aufsichtsbehörde, Hans Hege, gerade Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt.
  • Die Schleswig-Holsteiner Landesanstalt für Rundfunkwesen, die dem Münchner Film- und Seriensender Pro 7 die Lizenz erteilte, kontrolliert, ob Kirch-Sohn Thomas, der mit 48 Prozent Hauptgesellschafter bei Pro 7 ist, den Sender unabhängig von seinem Vater führt. Auf dem Prüfstand stehen sowohl die Herkunft des Firmenkapitals wie auch die Programmzulieferungen und die jeweiligen Bedingungen und Preise.
  • An diesem Freitag hat die Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen zu entscheiden, ob Kirchs Einfluß auf Sat 1 über die gesetzlich erlaubte Grenze von 50 Prozent hinausgeht. Am 24. Juli läuft die Sat 1-Lizenz für den Antennenempfang in Nordrhein-Westfalen aus und muß neu ausgeschrieben werden. Unter den Bewerbern: Sat 1, RTL 2 und Pro 7. Für den Landesmediendirektor Klaus Schütz, einst Regierender Bürgermeister in Westberlin, sind zu den 43 Prozent, die Kirch am Sender hält, auch noch die mindestens 20 Prozent zu addieren, die zu Springer gehören. Der Grund: Kirch ist auch an Springer beteiligt. Ein solcher „Medienverbund“ (Klaus Schütz) wäre nach dem Gesetz nicht zulässig. Die Gesellschafter Kirch und Springer sollen ihren Anteil auf zusammen 49,9 Prozent reduzieren.

Erstmals in der gerade zehnjährigen Geschichte des bundesdeutschen Privatfernsehens steht somit die Konzentration auf dem Prüfstand. Im Zentrum der Untersuchungen steht der Mann, der sich seit 1956 zunächst weitgehend unbemerkt ein Imperium aufgebaut hat. Über den Umsatz des Unternehmens (Branchenschätzung: über eine Milliarde Mark) schweigt sich die jüngst verbreitete Firmenbroschüre „Facts & Figures“ ebenso aus wie über die genaue Zahl der Beteiligungen („national und international über 30“). 700 Mitarbeiter stehen in Diensten von Kirch, die 15 000 Spielfilme und 50 000 Stunden Fernsehprogramm zu hegen und pflegen haben.