Von Richard Schröder

Am 18. August 1991 jährte sich zum fünfzehnten Mal der Tag, an dem sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz zu Zeitz selbst verbrannt hat. Dieser Jahrestag war kein Medienereignis.

Erst seit März 1993 ist Brüsewitz plötzlich in der Diskussion. Warum? Auch die Mediengesellschaft hat ihre Kulissen, hinter denen sich manches abspielt, das einen bitteren Nachgeschmack zurückläßt.

Oskar Brüsewitz war Pfarrer der evangelischen Kirche in der Kirchenprovinz Sachsen (Magdeburg). Dort hat man im vorigen Jahr eine Tagung zum Fall Brüsewitz veranstaltet und beschlossen, alle erreichbaren Dokumente aus kirchlichen und staatlichen Archiven zu publizieren, um an diesem Beispiel eine fundierte Diskussion um das Verhalten der Evangelischen Kirche in der DDR zu ermöglichen. Die Dokumentation liegt jetzt vor, herausgegeben von Harald Schultze, der damals auf Seiten der Kirche an den wichtigsten Gesprächen und Verhandlungen beteiligt war. Aber nicht diese Dokumentation, sondern eine weitere Studie von Helmut Müller-Enbergs nebst einem auf sie bezogenen Artikel im Nachrichtenmagazin Der Spiegel haben die jetzige Diskussion um Brüsewitz ausgelöst und geprägt.

Müller-Enbergs, geboren 1960, kommt aus Westberlin und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gauck-Behörde. Seine Studie erschien in einer Schriftenreihe der Behörde. Zuvor war er für das Bündnis 90 Berater des Stolpe-Untersuchungsausschusses des Brandenburger Landtags gewesen.

Am 19. März, drei Tage vor dem Erscheinen der kirchlichen Dokumentation, hat Müller-Enbergs seine Studie, die noch nicht einmal gebunden vorlag, sehr medienwirksam präsentiert, mit dem Erfolg, daß die kirchliche Studie gar nicht wahrgenommen wurde. Müller-Enbergs will – so verspricht es der Titel – das Zusammenspiel von Stasi und SED im Fall Brüsewitz darstellen. Im Inhaltsverzeichnis offenbart sich anderes. Einige Überschriften: "Gute Startposition für Kirche und Staat", "Kirche und Staat organisieren den Schutz der DDR", "Die Partei bereitet die Beerdigung des Pfarrers vor". Die Zusammenfassung seiner Darstellung findet sich auf Seite 126: "Die Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen paßte sich der staatlichen Erwartungshaltung an." Und die Motive von Brüsewitz betreffend, gibt die Studie der Staatssicherheit das letzte Wort: "Die bisherigen Ermittlungen zum möglichen Motiv der Handlungsweise des B. lassen den Schluß zu, daß es im wesentlichen Differenzen mit der Kirchenleitung, mit dem Leitungsgremium des Kreiskirchenrates und persönliche Differenzen im Gemeindekirchenrat sowie eine bevorstehende Visitation in seiner Kirchengemeinde waren, die das auslösende Motiv bildeten." Ein echtes Stasi-Wort.

In einem SED-internen Bericht über die Magdeburger Synode vom 1. November 1976 heißt es über Bischof Krusches Bericht zu Brüsewitz: "Durchgängig ist die Absicht zu erkennen, den Eindruck zu erwecken, daß Brüsewitz mit seiner Tat gegen gesellschaftliche Mißstände Protest erheben wollte." "Der Selbstmord Brüsewitz’ war für die Kirchenleitung sowie die Synode Anlaß dafür, eine oppositionelle Linie gegenüber dem Staat zu entwickeln... Dabei sollen die Unzufriedenen, die Andersdenkenden der Kirche Sammelbecken sein und als Schutzzone der Oppositionellen dienen." "Die Magdeburger Kirche ... fordert auf, ‚frei und offen zu reden‘, man ... stellt sich das Ziel, eine offene Polemik gegen den Staat und die Gesellschaft zu entwickeln."