Eine Reise zurück in biblische Urzeit. Auf fünf großen Videoleinwänden zieht die karge Landschaft der israelisch besetzten West Bank an uns vorbei. Die flachen Häuser der Stadt Hebron rücken ins Bild. Das Auge der Videokamera nähert sich behutsam einen Gebäude, tastet in Zeitlupe das Mauerwerk ab, verharrt vor dem Eingangsportal, offenbart schließlich mit einem gedehnten Schwenk den Innenraum – das Gewölbe einer Moschee. Unter ihr verborgen liegt die Höhle von Machpelah. Eine religiöse Urstätte, die von Juden und Muslimen gleichermaßen als heilig verehrt wird: Vor viertausend Jahren soll Abraham dort das Grab von Adam und Eva entdeckt haben. Laut Überlieferung liegt auch er selbst in der Höhle begraben.

Den amerikanischen Komponisten Steve Reich und die Videokünstlerin Beryl Korot hat dieser Ort wie tragisch angezogen auf der Suche nach den Ursprüngen ihrer jüdischen Identität. Betreten aber darf die Grabstätte von Machpelah niemand. Und so haben die beiden eine archäologische Grabung der experimentellen Art unternommen, um dem Mythos von Abraham und seiner Familie auf die Spur zu kommen. Die kalte Ästhetik der Videokunst und asketische Klänge aus dem Geist der Minimal-music sind ihre Werkzeuge. "The Cave" heißt das eigenwillige Projekt. Der Untertitel mag manchem wie eine Drohung klingen: "Ein dokumentarisches Musik-Video-Theater".

Als ginge es um eine Reportage für den "Weltspiegel", haben Reich und Korot Interviews geführt, haben Israelis, palästinensische Muslime und Amerikaner zu Abraham befragt, zu seinen Frauen Sarah und Hagar und seinen Söhnen Ishmael und Isaak. Die Antworten fügen sich zu einem brüchigen Erinnerungsmosaik. Wie durch einen Schleier entstehen vage Momentaufnahmen der biblischen Gestalten, die freilich je nach kulturellem Blickwinkel höchst unterschiedlich ausfallen: Während ein israelischer Hochschullehrer die Ahnenreihe seiner Vorfahren bis zu Abraham auswendig kennt, assoziiert eine Amerikanerin beim Stichwort Ishmael allenfalls Hollywood – "Aus Moby Dick – nennen Sie mich Ishmael!"

Beryl Korot hat das Videomaterial der Gespräche fragmentarisierl und mit Aufnahmen aus Hebron und Computerprints von Bibel- und Koranzitaten angereichert. Vervielfältigt, simultan überlagert und zeitversetzt geschachtelt, erscheinen die Bildsequenzen, auf fünf große Videoleinwände verteilt – ein visuelles Patchwork, das auf eine stringente dramaturgische Entwicklung verzichtet.

Steve Reich aber findet in Beryl Korots streng dokumentarischer Videooptik und den aphoristischen Gesprächsfetzen genau das Material, das ihm für ein Musiktheaterprojekt jenseits der bürgerlichen Kunstform Oper vorschwebte. Die Wirklichkeit selbst wolle er harmonisieren und orchestrieren, hat er in bezug auf "The orchegeäußert. An frühere Stücke wie Cave" lim" oder "Different trains" anknüpfend, entwickelt er auch hier die Musik aus dem gesprochenen Wort Dem Stimmklang der gesprochenen und der Modulation ihrer Sprechweise hat er Melodien abgelauscht, ihre Diktion ist zu präzis notierten Rhythmen ausgearbeitet. Jeder Wendung begegnet er mit einer ganz spezifischen harmonischen Färbung und einem eigenen metrischen Grundimpuls, jedes Satzfragment wird so in eine musikalische Dimension geweitet. Reichs melodische Kürzel erinnern entfernt an die Melismen mittelalterlicher Liturgik (daher mag es auch kaum verwundern, daß ausgerechnet der Experte für Alte Musik Paul Hillier die Uraufführung bei den Wiener Festwochen dirigierte), Andererseits bleiben sie Janaceks Vorstellung von der Sprechmelodie als "Fenster zur Seele des Menschen" verpflichtet. Die Charaktere äußern sich in akribisch ausformulierten Details, weniger in aufwühlend espressiver Geste.

Kleinzeilig ist Reichs Musik organisiert. Wie palimpsestartige Übermalungen des gesprochenen Worts erscheinen die musikalischen Miszellen über weite Strecken, die immer wieder in einem lichten Streichquartettsatz in polyphoner Struktur um und um gewendet werden, begleitet von einer Art akkordischer Interpunktion des Schlagwerkensembles, sparsam kommentiert von solistischen Holzbläserlinien.

So equilibristisch Reich mit seinem Material jongliert und so unmittelbar es sich mit Beryl Korots Bildern zur Multimedia-Performance verbindet: Eine dramaturgische Entwicklung allerdings will nicht so recht in Gang kommen. In drei Akte ist der Abend gegliedert: Wir hören zunächst die Antworten der jüdischen Gesprächspartner, dann die der muslimischen, schließlich die Amerikaner. Die diskursive Anlage aber kreist wie Reichs Kompositionstechniken in sich selbst. Sie führt zu nichts – vielleicht einmal abgesehen von der eher (selbst)ironischen Erkenntnis, daß so mancher amerikanische Intellektuelle in alttestamentlichen Fragen nicht sonderlich bibelfest ist. ("Irrelevant", sagte da beispielsweise der Bildhauer Richard Serra immer wieder, "eingeführt und vergessen. In der Schublade im Hotel.") Die lose Form einer Umfrage taugt kaum als Strukturprinzip für ein Musiktheaterwerk. Immer eine Spur zu beliebig, zu enzyklopädisch werden da die Statements, Bilder und musikalischen Kommentare an- und übereinandergereiht: Reichs großangelegte Spurensuche nach kollektiver Vergangenheit verliert sich im Ungefähren, rührt kaum an die Geheimnisse der biblischen Urzeit. Abrahams Mythos – eingeführt und vergessen. In der Schublade im Hotel. Claus Spahn