Bis zum modernen Kapitalismus war es zu Beginn des 16. Jahrhunderts zwar noch ein weiter Weg, dessen Prinzip freilich legte Pacioli mit bestechender Einfachheit fest: Der Kaufmann muß nur Einnahmen und Ausgaben gegenüberstellen, beide Seite so rational wie möglich betrachten und kann so den Profit kalkulieren. Kapitalismus im Schnellkurs – mit Paciolis "Tractatus XI. Particularis de computis et scripturis", Teil seines Hauptwerks "Summa de arithmetica geometria proportioni et proportionalita", 1494 erschienen und nicht 1495, wie Dürr wähnt.

Verehrung besonderer Art erhielt der Mönch auch von falscher Seite, etwa vom Kulturphilophen Oswald Spengler. In dessen Betrachtung zum "Untergang des Abendlandes" muß Pacioli gar als Zeuge für germanischen Größenwahn herhalten: "Den Normannen verdanken wir die Kontenrechnung, den Lombarden (eben jenem Pacioli) diese Buchführung. Es sind die germanischen Stämme, welche die beiden verheißungsvollsten Rechtswerke der frühen Gotik geschaffen haben."

Dabei war Luca Pacioli, der seinem Namen gern den Titel Professor oder Magister der heiligen Theologie beifügte, sowenig der Erfinder der doppelten Buchhaltung, wie er germanisch war. Bei etwas sorgfältigerer Recherche hätte Spengler das wissen können.

Die Vita des italienischen Mönchs Luca Pacioli ist ebenso lange bekannt, wie die Urheberschaft seines Werks umstritten ist. Beweisbar ist nur dies: Die erste gedruckte Darstellung über die doppelte Buchhaltung – eben jene "Summa" – stammt unzweifelhaft von ihm. Pacioli war Mathematiker von hohem Rang, werktätiger Intellektueller, Lehrer und Gast in Rom, an den Höfen von Perugia, Florenz, Mailand; er lehrte als Professor an den bedeutendsten Universitäten Italiens und war mit Leonardo da Vinci befreundet. Dieser illustrierte Paciolis bedeutende mathematische Schriften. "Leonardos Buchstaben-Zeichnungen für das Werk Paciolis gehören zu den schönsten und edelsten Lösungen des Problems", der Schrift mit Zirkel und Lineal neue Formen zu geben, meint der Münchner Kunsthistoriker Richard Friedenthal. Durch Pacioli sei "Leonardo auch auf die Proportionen des menschlichen Körpers und ihre Meßbarkeit in mathematischen Größenordnungen geführt worden".

Nur – außer der "Summa" gibt es keinen Beleg dafür, daß Pacioli die doppelte Buchführung wirklich erfunden hat. Ein Fastzeitgenosse des Mathematikers, Giorgio Vasari, der erste ernstzunehmende Kunsthistoriker der Neuzeit, bezichtigte Pacioli sogar des Plagiats: Der Franziskaner habe sich das Werk seines Lehrers, des Malers und Mathematikers Piero della Francesca, nach dessen Tod angeeignet und als sein eigenes veröffentlicht.

Spätere Paciolo-Forscher waren milder gestimmt, schließlich wurde das Urheberrecht im 15. und 16. Jahrhundert nicht so eng ausgelegt wie heute. Balduin Penndorf, der Luca Paciolis "Abhandlung über die Buchhaltung" in den dreißiger Jahren übersetzt und mit Anmerkungen versehenen hat, nimmt den Autor denn auch vor Anschuldigungen in Schutz: "Wenn man die Frage, ob Pacioli der Verfasser der Abhandlung über die Buchhaltung ist oder ob er nur ein älteres Werk überarbeit und der ‚Summa‘ eingefügt hat, beantworten will, so muß zunächst darauf hingewiesen werden, daß es zur Zeit Paciolis kein geistiges Eigentum in unserem heutigen Sinne gab, sondern Gemeingut des Wissens, so daß allerdings mit der Möglichkeit zu rechnen ist, daß die Abhandlung über die Buchhaltung nicht ganz Originalleistung Paciolis, sondern eine persönlich ergänzte Bearbeitung eines vorhandenen Werkes ist, das vielleicht handschriftlich vorhanden war."

Aber auch das gilt, wie vieles in der Wissenschaft, nur cum grano salis. Immerhin ist der Franziskaner-Mönch an vielen Stellen seines mathematischen Werks mit Quellenangaben sogar nach heutigen Maßstäben sehr penibel umgegangen. Warum sollte er ausgerechnet die doppelte Buchführung geklaut haben? Andererseits ist belegt, daß Pacioli den schon von Vasari genannten Lehrer Piero della Francesca tatsächlich auf das unverschämteste ausgebeutet hat. Ganze Passagen in Paciolis "Divina proportione" sind wortwörtlich von Piero abgekupfert.