Das neue Deutschland ist kulanter, als manche glauben. „Darf denn die neue Briefmarke auch von Juden gekauft werden?“ fragte ich den Pressesprecher des Bundespostministers, Helmut Dallei. „Natürlich“, sagte er, fügte allerdings hinzu, daß meine Frage doch wohl etwas polemisch sei.

Meine Frage? Oder jenes Sonderpostwertzeichen, mit dem die Deutsche Bundespost das Jubiläum einer Vereinigung feiert, die vor 99 Jahren ihren Krieg gegen die Juden ausrief? Drei Schläger in ihrem vollen Wichs zeigt eine letzte Woche erschienene 100-Pfennig-Briefmarke mit der Aufschrift „125 Jahre Coburger Convent“. Das ist zwar historisch falsch – der Coburger Convent, heute noch eine Vereinigung zum wechselseitigen Zerhacken des Gesichtes auf Lebensbundbasis, ist, sagt Postsprecher Dallei, 1951 mit einer „Gründungssatzung“ entstanden, „in der Zielsetzungen drin sind, die von einem Demokraten getragen werden können“ aber im großen geschichtlichen Zusammenhang völlig richtig gedacht. Denn geehrt wird von der Bundespost nicht die erst 42 Jahre alte Nachfolgeorganisation dieses Namens, sondern der vor 125 Jahren gegründete Coburger Landsmannschaften-Convent (CLC). Und dessen Satzung verlangte schon 1894, daß jüdische Studenten nicht Mitglied werden dürfen und jüdische Alte Herren den Verein zu verlassen hätten.

Die Ehrung dieses Vereins wurde, wie der Postsprecher versichert, von einem demokratischen Gremium vollzogen, „wo auch Mitglieder der Parteien drin sind, auch Mitglieder des Deutschen Presserats“. Und dieser Programmbeirat für Sonderpostwertzeichen habe, behauptet das Ministerium, „nach sorgfältiger Abwägung“ die Sonderbriefmarke „125 Jahre Coburger Convent“ empfohlen.

Daß die Deutsche Bundespost unter mutmaßlicher Beihilfe des Deutschen Presserats die Gründung einer Organisation ehrt, die sich zum Antisemitismus bekannt hatte, hätte sie leicht den Geschichtsbüchern entnehmen können. Es kommt aber hinzu, daß ein Jahr vor dieser Sondermarkenehrung ein Sammelband („Füxe, Burschen, Alte Herren – Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute“, PapyRossa Verlag, Köln) erschien, in dem die Marburger Politikwissenschaftler Dietrich Heither und Michael Lemling untersuchten, wie es zum Mord an fünfzehn Arbeitern kam, die die erste deutsche Republik gegen den Kapp-Putsch verteidigten. Sie waren am 24. März 1920 von einem bewaffneten Marburger Studentenkorps festgenommen worden, und, so ist da nachzulesen: „am Morgen des darauffolgenden Tages begann der Vormarsch nach Gotha. Bereits zwei Stunden nach Marschbeginn lebte keiner der Gefangenen mehr. Sie waren alle angeblich ‚auf der Flucht erschossen‘ worden und lagen in Abständen auf einer Strecke von 2,7 km entlang der Straße.“

Anfrage der Bundestagsabgeordneten Barbara Weiler (SPD) zur Herausgabe der 100-Pfennig-Briefmarke „125 Jahre Coburger Convent“: „Ist der Bundesregierung bekannt, daß sich nach dem Kapp-Putsch in Marburg achtzig Coburger Landsmannschafter am Marburger Studentenkorps beteiligten, das am 25. März 1920 fünfzehn gefangengenommene Arbeiter ‚auf der Flucht‘ ermordete, und daß diesbezüglich der Altherrenverband der Landsmannschaften im Coburger Convent Nibelungia zu Marburg noch 1979 beklagte, daß ,den Studenten ihr Einsatz nicht gedankt‘ worden sei, und wie bewertet die Bundesregierung in diesem Zusammenhang die Ehrung durch eine Briefmarke?“

Die Antwort war ganz einfach. Sie lautete: „Die Deutsche Bundespost Postdienst ist stets bemüht, bei der Zusammenstellung ihrer Sonderpostwertzeichen-Jahresprogramme unterschiedliche aktuelle und historische Anlässe aus möglichst vielen Bereichen unseres politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Lebens zu berücksichtigen.“ Frage: War die Erschießung von fünfzehn Arbeitern ein Beitrag zu unserem sozialen, wirtschaftlichen oder gar wissenschaftlichen Leben? Otto Köhler